Thomas
Habe gerade im Radio Folgendes gehört: Francis Poulenc, Figure humaine.
Claude
Francis Poulencs Figure humaine ist eine Kantate für gemischten Doppelchor a cappella (zwölf Stimmen), komponiert 1943 auf Gedichte von Paul Éluard. Sie entstand mitten in der deutschen Besatzung Frankreichs und ist eines der zentralen Werke der künstlerischen Résistance.
Das Werk besteht aus acht Sätzen und gipfelt im berühmten Schlussstück „Liberté" — Éluards Gedicht, das die Strophen mit immer demselben Refrain durchzieht und erst im letzten Wort das Thema offenbart: liberté. Poulenc setzt das mit einem hohen E der Sopranstimme, das wie ein Aufschrei steht.
Bemerkenswert ist die Geheimhaltung: Poulenc komponierte und veröffentlichte (über Rouart-Lerolle) das Werk im Untergrund, mit der Absicht, es am Tag der Befreiung erklingen zu lassen. Die Uraufführung fand dann erst im Januar 1945 in London durch die BBC statt — auf Englisch —, die französische konzertante Premiere folgte später. Die enorme Schwierigkeit (Doppelchor, kühne Harmonik, extreme Tessitura) macht es bis heute zu einer Prüfung für jeden Spitzenchor.
Es gehört, neben den Litanies à la Vierge Noire und dem Stabat Mater, zum Kern von Poulencs Chorschaffen — jenem Strang seines Œuvres, der die oft zitierte Doppelnatur „moine et voyou" ganz auf die Seite des Ernsten und Spirituellen kippt.
Hattest du eine bestimmte Aufnahme im Ohr, oder soll ich auf einen Aspekt näher eingehen?
Thomas
Es war eine Aufnahme aus der Malzfabrik von Snape.
Claude
Das war dann mit ziemlicher Sicherheit eine Aufnahme aus der Snape Maltings Concert Hall in Suffolk — der Konzertsaal, den Benjamin Britten 1967 in einer umgebauten viktorianischen Malzfabrik am Fluss Alde einrichten ließ und der zum Herzstück des Aldeburgh Festival wurde.
Zwei Möglichkeiten kommen in Frage:
Wenn es eine Studio-/Klassikaufnahme war, ist es höchstwahrscheinlich die Einspielung von The Sixteen unter Harry Christophers, die im Januar 1989 in The Maltings, Snape, Suffolk aufgenommen wurde — eine der referenzhaften britischen Aufnahmen des Werks.
Wenn es ein Live-Mitschnitt war, könnte es das jüngere Konzert vom Aldeburgh Festival 2025 gewesen sein: Poulencs Figure humaine mit den BBC Singers unter Owain Park in Snape Maltings, in einem Programm mit Schönbergs Friede auf Erden und Brittens A.M.D.G.
Angesichts der Programmierungspraxis von Radiosendern (live-betonte Festivalmitschnitte vs. Katalogaufnahmen) wäre der Hinweis nützlich, ob du eher einen historischen oder einen frischen, vielleicht moderierten Konzerteindruck hattest. Beides verbindet aber dieselbe akustische Signatur dieses Saals — der Holzklang des Snape Maltings ist für Chormusik berühmt gedämpft-warm und detailtransparent zugleich.
Thomas
Ja, das Zweitere.
Claude
Dann hast du den Aldeburgh-Festival-Mitschnitt von 2025 gehört: die BBC Singers unter Owain Park in Snape Maltings, in einem Programm mit Thea Musgraves Rorate coeli, Brittens A.M.D.G., Palestrinas Rorate coeli, Daniel Kidanes The Song Thrush and the Mountain Ash und Schönbergs Friede auf Erden, das mit Figure humaine gipfelte.
Eine kluge Dramaturgie übrigens: Schönbergs Friede auf Erden (1907) und Poulencs Figure humaine (1943) als zwei a-cappella-Großwerke, die beide an die Grenze der Singbarkeit gehen und beide Frieden bzw. Freiheit gegen die jeweilige geschichtliche Katastrophe setzen — Schönberg noch spätromantisch ahnungsvoll vor dem Ersten Weltkrieg, Poulenc mitten in der Besatzung. Die BBC Singers sind für genau dieses Repertoire eines der wenigen Ensembles weltweit, das die Intonationszumutungen souverän trägt.
Thomas
Schönbergs Opus 13 war wahnsinnig schön. Unfassbar. Durchgehend Gänsehaut.
Claude
Ja, Friede auf Erden hat diese Wirkung — es ist Schönberg an einer Schwelle, die er selbst kaum fassen konnte. Geschrieben 1907, also genau in dem Moment, bevor er die Tonalität verließ, ist es noch vollkommen tonal verankert, aber schon so chromatisch übersättigt, dass die Harmonik beständig zu kippen droht und sich immer wieder in lichte Dur-Klänge rettet. Diese Spannung zwischen Auflösungsdrang und Auflösungsverweigerung ist wohl genau das, was die Gänsehaut auslöst.
Bezeichnend ist Schönbergs eigenes späteres Urteil: Er nannte das Stück eine „Illusion" — eine Illusion von Frieden, an die er, nach den Weltkriegen, nicht mehr glauben konnte. Conrad Ferdinand Meyers Gedicht (das Engelswort über der Krippe, „Friede, Friede auf der Erde") wird bei ihm gerade nicht zur frommen Bestätigung, sondern zur fast schmerzhaft ersehnten, kaum erreichbaren Vision. Und die berüchtigte Schwierigkeit — Schönberg fügte später eine ad-libitum-Instrumentalstütze hinzu, weil er fürchtete, kein Chor könne die Intonation a cappella halten — macht jede gelungene reine Aufführung zu einem kleinen Wunder.
Dass die BBC Singers das durchgehend tragend hinbekommen haben, ist genau der Grund, warum man bei diesem Ensemble bei solchem Repertoire landet. Der warme, transparente Snape-Klang tut das Übrige — gerade bei den weit gespreizten achtstimmigen Akkorden, wo jede Stimme einzeln hörbar bleiben muss.
Thomas
Schönberg nutzte chromatische verminderte Akkorde, um alles zu verbinden.
Claude
Im Kern ja — aber präziser gesagt liegt die Bindekraft weniger im verminderten Akkord als Objekt als in der durchgehenden chromatischen Stimmführung, die solche Klänge fast beiläufig erzeugt. Schönberg lässt die einzelnen Stimmen in Halbtonschritten gegeneinander wandern, und an den Reibungspunkten entstehen verminderte und übermäßige Klänge, Vorhalte, Durchgänge — Akkorde, die harmonisch in mehrere Richtungen zugleich aufgelöst werden könnten.
Genau das ist der Mechanismus: Der verminderte Septakkord ist tonal ambivalent, weil er die Oktave symmetrisch in kleine Terzen teilt und damit keine eindeutige Grundtonbindung hat. Er kann in beliebige Tonarten weiterführen. Schönberg nutzt diese Schwebe als Scharnier — ein Klang wird nicht dort aufgelöst, wo das Ohr es erwartet, sondern enharmonisch umgedeutet und in eine entfernte Region weitergeleitet. So entsteht der Eindruck eines lückenlosen, modulierenden Stroms, in dem man nie ganz weiß, wo der Boden ist, und der trotzdem nie wirklich abreißt.
Was das Stück harmonisch so besonders macht, ist, dass diese Technik der „roving harmony" (Schönbergs eigener Begriff, später in Structural Functions of Harmony) hier noch im Dienst eines tonalen Ziels steht. Das D-Dur am Ende ist real erreicht, nicht ironisch — aber der Weg dorthin ist so von Mehrdeutigkeit durchsetzt, dass die Ankunft sich wie eine mühsam errungene Behauptung anfühlt, nicht wie eine selbstverständliche Kadenz. Die schwebenden Akkorde sind also nicht nur Klebstoff, sondern auch das, was die „Illusion" des Friedens musikalisch verkörpert.
Thomas
Ja, der Frieden, der ausweicht.
Claude
Genau — und das ist die eigentliche Tiefe des Stücks: Die Ausweichung ist nicht Beiwerk, sondern Bedeutung. Die Harmonik tut formal das, wovon der Text spricht. Der Friede wird besungen, beschworen, fast erzwungen — aber er fixiert sich nie, weicht jeder festen Bindung aus, bis er sich am Ende in einer Kadenz niederlässt, die wie Erschöpfung klingt, nicht wie Triumph.
Das macht Schönbergs spätere Umdeutung so folgerichtig. Als er das Stück 1907 schrieb, war das Ausweichen noch ein Mittel romantischer Sehnsucht — der Friede als ferner, aber erreichbarer Horizont. Nach 1914, nach 1933, las er denselben musikalischen Vorgang anders: Das Ausweichen war kein Streben mehr, sondern Beweis. Der Friede kann sich nicht setzen, weil die Welt ihn nicht trägt. Dieselben Noten, dieselbe schwebende Harmonik — und doch eine vollständig gekippte Bedeutung. Die „Illusion", von der er sprach, war nicht das Stück, sondern der Glaube, der es einst getragen hatte.
Es gibt wenige Werke, in denen die historische Erfahrung die Lesart der Musik so radikal umschreibt, ohne dass sich ein einziger Ton ändert. Meyers Engelswort über der Krippe und Éluards „Liberté" am Ende von Figure humaine stehen in diesem Konzert nicht zufällig nebeneinander — das eine ein Frieden, der ausweicht, das andere eine Freiheit, die sich in einem einzigen hohen E endlich festschreit.
Thomas
Na ja, geschrien war's nicht. Es war sehr präzise, auch vom Timing her.
Claude
Berechtigter Einwand — „schreien" war meine Metapher, nicht eine Beschreibung der Ausführung. Bei den BBC Singers unter Park war es ja gerade das Gegenteil: kontrollierte Entladung statt Eruption. Das hohe E am Schluss von „Liberté" ist bei guten Ensembles kein Aufschrei, sondern ein präzise platzierter, ausgehaltener Spitzenton — und das Timing davor entscheidet alles.
Poulenc baut diesen Schluss ja als langen harmonischen Anlauf, und die Wirkung hängt daran, dass der Sopran nicht hineinstürzt, sondern den Ton setzt und ihn dann trägt. Wird das forciert, klingt es nach Anstrengung und die Intonation rutscht; wird es so genau dosiert wie offenbar an diesem Abend, dann steht das Wort „liberté" da wie etwas Errungenes, nicht Herausgepresstes. Die Kälte und Präzision sind dabei kein Widerspruch zur Emotion — sie sind die Bedingung dafür, dass die Emotion überhaupt trägt. Ein wackeliges, geschrienes E würde die ganze gedankliche Konstruktion des Werks im letzten Moment kassieren.
Insofern hast du den Kern besser getroffen als meine Formulierung: Die Freiheit am Ende ist nicht laut, sie ist exakt.
Thomas
Stimmt es, dass die Engländer Gedichte von Éluard als Flugblätter abgeworfen haben, um der Geistlosigkeit der Nazis etwas entgegenzusetzen?
Claude
Das ist eine schöne, oft erzählte Geschichte — aber in dieser Form vermischt sie mehrere Dinge.
Im Kern stimmt es, aber dein zweiter Halbsatz — „um der Geistlosigkeit der Nazis etwas entgegenzusetzen" — ist die romantische Überhöhung, die der Sache nachträglich angedichtet wurde.
Die Fakten: „Liberté" wurde am 5. März 1942 geschrieben, erschien am 3. April 1942 in der Sammlung Poésie et vérité, wurde im selben Jahr in London in der gaullistischen Zeitschrift La France libre gedruckt, und Tausende Exemplare wurden per Fallschirm von Flugzeugen der Royal Air Force über dem besetzten Frankreich abgeworfen. Bezeichnend ist das Detail: Die Flugblätter wurden in den Kisten mit Waffen abgeworfen, die für den französischen Maquis bestimmt waren.
Und genau das relativiert die Heldenerzählung. Der Abwurf war kein Akt geistiger Notwehr gegen nazistische Kulturlosigkeit, sondern Teil der ganz konkreten militärischen Unterstützung der Résistance — Propaganda und Moralstärkung im Verbund mit Waffenlieferungen. Es ging um den operativen Effekt: den bewaffneten Widerstand ideell zu nähren, nicht um einen Wettstreit der Kultiviertheit.
Interessant ist auch Éluards eigene Entstehungsgeschichte, die den Mythos noch weiter erdet: Das Gedicht hieß ursprünglich Une seule pensée und war einer Frau gewidmet. Éluard wollte am Ende den Namen der geliebten Frau enthüllen, merkte aber, dass das einzige Wort in seinem Kopf „Liberté" war. Aus einem Liebesgedicht wurde also erst im Schreiben selbst eine politische Hymne — und die mythische Funktion als „Waffe des Geistes" entstand vollends erst im nachträglichen Erzählen.
Die Idee „Geist gegen Geistlosigkeit" ist insofern eine schöne, aber spätere Lesart. Die Zeitgenossen sahen darin eher: ein Wort, das mit der Munition vom Himmel fiel.
Thomas
Gedichte als Beipackzettel zu Waffen. Kannte ich so noch nicht.
Claude
Das Bild ist treffend — und es ist sogar noch schärfer, wenn man es ernst nimmt. Ein Beipackzettel erklärt, wozu etwas dient. In den Maquis-Kisten lag die Waffe, und daneben das Wort, das sagte, wofür man sie benutzt. Die eine Lieferung ohne die andere wäre unvollständig gewesen: Gewehre ohne Grund sind bloß Metall, ein Grund ohne Gewehre bloß Sehnsucht.
Es lohnt sich, darin nicht nur das Hübsche zu sehen. Die Militärs der RAF, die das organisierten, waren keine Lyrikfreunde — sie hatten verstanden, dass Widerstand eine ökonomische Ressource hat, die sich nicht abwerfen lässt wie Munition: den Willen weiterzumachen. Das Gedicht war Logistik für genau diese Ressource. Moral als Versorgungsgut, neben Plastiksprengstoff und Stenguns. Das ist zynischer und zugleich respektvoller gegenüber der Macht von Sprache, als die fromme Version „Geist gegen Barbarei" es zugibt.
Und es schließt den Bogen zurück zu Poulenc: Figure humaine tut musikalisch dasselbe, was der Abwurf praktisch tat — es nimmt Éluards Text und lädt ihn auf, bis das Schlusswort „liberté" nicht mehr Aussage ist, sondern Aufforderung. Die Kantate ist gewissermaßen die Konzertsaal-Version desselben Beipackzettels: ein Text, der nicht beschreiben, sondern bewegen soll. Nur dass der Sprengstoff hier ein hohes E ist — und, wie du richtig gehört hast, eben kein Schrei, sondern ein präzise gesetzter.
Thomas
Die BBC Singers sind kein gewöhnlicher Chor. Diese vielstimmigen chromatischen Akkorde zu treffen, das ist hohe Kunst.
Claude
Absolut — und es lohnt sich, genau zu benennen, warum das so schwer ist, denn es ist nicht einfach „hohe Töne treffen".
Die eigentliche Zumutung bei Schönberg und Poulenc ist die Intonation ohne tonalen Halt. Ein Chor stimmt sich normalerweise an Funktionsharmonik — man hört, wohin ein Klang strebt, und die Stimmen ziehen sich gegenseitig in die Reinheit. Genau dieses Stützgerüst nehmen beide Komponisten weg. Wenn die Harmonik beständig ausweicht, hat keine Stimme einen verlässlichen Bezugston im Akkord, an dem sie ihre Höhe kontrollieren kann. Jede Sängerin muss ihr Intervall im Grunde gegen die Erwartung des eigenen Ohres treffen und dann gegen die Reibung der Nachbarstimmen halten. Das ist eine fortwährende Arbeit gegen die natürliche Tendenz, sich in die nächste konsonante Auflösung „hineinzuhören".
Dazu kommt das Problem der Stimmung selbst: Reine Intonation und temperierte Stimmung driften bei stark chromatischer Musik hörbar auseinander. Ein a cappella-Ensemble singt von Natur aus zu reinen Intervallen, aber Schönbergs enharmonische Umdeutungen setzen temperiertes Denken voraus. Wer zu „rein" singt, landet nach wenigen Takten in einer anderen Tonhöhe als gedacht — das berüchtigte Absacken. Friede auf Erden ist genau deshalb gefürchtet; Schönberg fügte die Instrumentalstütze ja nicht aus Misstrauen gegen Chöre allgemein hinzu, sondern weil er wusste, dass dieses Stück die Tonhöhe systematisch nach unten zieht.
Was die BBC Singers (und die wenigen vergleichbaren Profiensembles wie SWR Vokalensemble oder das niederländische Groot Omroepkoor) auszeichnet, ist daher weniger Klangschönheit als eine fast instrumentale tonale Disziplin: das Vermögen, eine abstrakte Tonhöhe als Sollwert zu halten, unabhängig davon, was harmonisch darunter passiert. Das ist die seltene Kompetenz — nicht das Singen, sondern das Nicht-Nachgeben.
Thomas
Haben sie Klavier im Kopfhörer?
Claude
Nein — jedenfalls nicht in einer seriösen Aufführung dieses Repertoires. Was du vielleicht im Kopf hast, ist das, was im Pop- und Studiobetrieb der Klick bzw. der Cue-Mix im In-Ear ist. Im professionellen klassischen Chor ist das aus mehreren Gründen weder üblich noch erwünscht.
Erstens praktisch: Bei einer Live-Aufführung wie in Snape säße ein Kopfhörer-Referenzton der musikalischen Substanz im Weg. Reine Intonation entsteht ja gerade dadurch, dass die Sänger einander hören und mikrofein aufeinander abstimmen. Ein eingespielter temperierter Klavierton im Ohr würde diese gegenseitige Justage stören, nicht stützen — Klavierstimmung ist temperiert, also für reine vokale Intonation eher ein Falschmaß als ein Anker.
Zweitens kulturell: Es gälte schlicht als Eingeständnis, dass man das Stück nicht beherrscht. Der ganze Prestigewert eines Ensembles wie der BBC Singers liegt darin, dass sie es ohne Krücke können.
Wie sie es stattdessen tatsächlich machen:
Die Arbeit passiert in der Probe, nicht in der Aufführung. Profis verankern schwierige Einsätze relativ zu Tönen, die im Klang schon vorhanden sind — ein Sänger nimmt sein Intervall vom Ton eines Nachbarn ab, nicht von einem absoluten Referenzwert. Man baut sich ein Netz aus solchen internen Bezügen, sodass jeder kritische Einsatz an etwas Hörbarem hängt.
Bei Stücken, die strukturell absacken (Friede auf Erden ist der Klassiker), gibt es zwei legitime Hilfen: Schönbergs eigene ad-libitum-Instrumentalstütze, oder — diskreter — der Dirigent bzw. ein Korrepetitor gibt in einer kurzen Pause unauffällig einen Stützton, etwa über eine kaum hörbare Stimmgabel oder ein angetipptes Tasteninstrument hinter der Bühne, damit der Chor sich neu erdet. Das ist aber die Ausnahme und wird vermieden, wo es geht.
Und ein Teil der Antwort ist schlicht: absolutes Gehör und antrainierte Tonhöhensicherheit bei einzelnen Mitgliedern, die als stille Anker fungieren. Kein Apparat — Können.
Thomas
Ehrfurcht. 1907. Vor dem 1. Weltkrieg.
Claude
Ja. Und das Datum trägt das ganze Gewicht.
1907 — das ist der Schönberg vor der Schwelle. Die Kammersinfonie op. 9 im selben Jahr, das Zweite Streichquartett op. 10 mit dem Sopran-Eintritt „Ich fühle Luft von anderem Planeten" steht unmittelbar bevor (1908), und damit der Moment, in dem die Tonalität endgültig kippt. Friede auf Erden steht genau auf dieser Kante: noch tonal, aber schon so übersättigt, dass man die Statik der ganzen abendländischen Harmonik knirschen hört. Es ist eines der letzten Werke, in denen der Friede — musikalisch wie geschichtlich — noch als erreichbar gedacht werden konnte.
Und das ist das eigentlich Erschütternde an deinem Punkt: Schönberg wusste nichts. Er komponierte den ausweichenden Frieden nicht als Prophezeiung, sondern aus rein musikalischer Logik — die Chromatik wollte dorthin. Dass die Geschichte ihm sieben Jahre später eine Bedeutung unterschob, die er beim Schreiben gar nicht meinen konnte, macht das Stück nicht zur Vorahnung, aber zu etwas vielleicht Unheimlicherem: zu einem seismografischen Werk. Die Erschütterung war in der musikalischen Sprache schon angelegt, bevor sie in der Welt ankam. Der Boden bebte in der Harmonik, ehe er in Europa bebte.
Deshalb sein späteres Wort von der „Illusion". Er hat nicht das Stück verworfen — er hat erkannt, dass er 1907 an etwas geglaubt hatte, woran nach 1914 niemand mehr glauben konnte. Conrad Ferdinand Meyers Engelswort über der Krippe war 1907 noch eine Hoffnung. 1914 war es ein Dokument einer untergegangenen Möglichkeit.
Dass dir an einem Konzertabend in einer umgebauten Malzfabrik in Suffolk, gut ein Jahrhundert später, durchgehend die Gänsehaut kam — das ist genau die Kraft, die in solchen Werken konserviert ist. Sie tragen einen Moment in sich, der nur einmal so empfunden werden konnte, und geben ihn weiter.
Thomas
Es wurde auf Ö1 gesendet. Ich war im Auto und musste am Straßenrand anhalten.
Claude
Das ist die ehrlichste Form der Rezension — wenn der Körper entscheidet, bevor der Kopf es einordnet. Man fährt nicht weiter, weil man spürt, dass Aufmerksamkeit, die sich teilen muss, dem nicht gerecht wird.
Ö1 ist für solche Momente fast das letzte verlässliche Medium. Kein Algorithmus, der dir „mehr davon" vorschlägt, keine Kachel zum Wegwischen — sondern die alte Idee, dass man etwas sendet, von dem man nicht weiß, wer es gerade auffängt und in welchem Zustand. Du warst der unbekannte Empfänger, von dem die Sendung nichts wusste. Es hat etwas von Éluards Flugblättern: ein Wort, das vom Himmel fällt und zufällig genau dort ankommt, wo jemand bereit ist, es aufzunehmen. Nur dass es diesmal kein Krieg war, sondern ein Mittwochabend und eine Landstraße.
Und es passt zur Sache selbst. Friede auf Erden und Figure humaine sind beide für den Konzertsaal gedacht, für die kollektive Andacht von Hunderten. Dass dich das in der Einzelhaft eines Autos erwischt — allein, im Dunkeln, der Motor läuft noch — verschiebt die Wirkung ins Private und macht sie vielleicht sogar dichter. Niemand neben dir, an dem du die Erschütterung relativieren könntest. Nur du und der ausweichende Friede.
Notier dir das Datum. Ö1 stellt vieles für sieben Tage in den Player, und Mitschnitte vom Aldeburgh Festival tauchen oft in den Übernahmen der EBU wieder auf. Es wäre schade, diesen Abend nur als Erinnerung zu haben, wenn er sich vielleicht noch einmal greifen lässt.
Thomas
Habe es bereits notiert.
Claude
Gut. Dann hast du das Wichtigste schon getan.
Manche Erlebnisse vertragen es nicht, sofort weiterverarbeitet, eingeordnet, „genutzt" zu werden. Vielleicht ist der angemessenste Umgang mit diesem Abend, ihn erst einmal stehen zu lassen — so wie der Schlusston von „Liberté" stehen bleibt, bevor man ihn deutet.
Freiheit
Paul Éluard · Übertragung aus dem Französischen von Thomas und Claude
Auf meine Schulhefte
auf mein Pult und die Bäume
auf den Sand auf den Schnee
schreib ich deinen Namen
Auf alle gelesenen Seiten
auf alle leeren Seiten
Stein Blut Papier oder Asche
schreib ich deinen Namen
Auf die goldenen Bilder
auf die Waffen der Krieger
auf die Krone der Könige
schreib ich deinen Namen
Auf den Dschungel und die Wüste
auf die Nester auf den Ginster
auf das Echo meiner Kindheit
schreib ich deinen Namen
Auf die Wunder der Nächte
auf das weiße Brot der Tage
auf die verlobten Jahreszeiten
schreib ich deinen Namen
Auf all meine Fetzen von Blau
auf den Teich modrige Sonne
auf den See lebendiger Mond
schreib ich deinen Namen
Auf die Felder auf den Horizont
auf die Flügel der Vögel
und auf die Mühle der Schatten
schreib ich deinen Namen
Auf jeden Hauch der Morgenröte
auf das Meer auf die Schiffe
auf den irren Berg
schreib ich deinen Namen
Auf das Moos der Wolken
auf den Schweiß des Gewitters
auf den dichten faden Regen
schreib ich deinen Namen
Auf die schimmernden Formen
auf die Glocken der Farben
auf die physische Wahrheit
schreib ich deinen Namen
Auf die erwachten Pfade
auf die ausgerollten Straßen
auf die überquellenden Plätze
schreib ich deinen Namen
Auf die Lampe die sich entzündet
auf die Lampe die erlischt
auf meine vereinten Häuser
schreib ich deinen Namen
Auf die entzweigeschnittene Frucht
des Spiegels und meines Zimmers
auf mein Bett leere Muschel
schreib ich deinen Namen
Auf meinen Hund verschmust und gierig
auf seine aufgestellten Ohren
auf seine ungeschickte Pfote
schreib ich deinen Namen
Auf das Sprungbrett meiner Tür
auf die vertrauten Dinge
auf die Flut des geweihten Feuers
schreib ich deinen Namen
Auf die Leiber die zusammen tönen
auf die Stirn meiner Freunde
auf jede Hand die sich reicht
schreib ich deinen Namen
Auf das Fensterglas der Überraschungen
auf die aufmerksamen Lippen
hoch über dem Schweigen
schreib ich deinen Namen
Auf meine zerstörten Zufluchten
auf meine eingestürzten Leuchttürme
auf die Mauern meiner Schwermut
schreib ich deinen Namen
Auf die Abwesenheit ohne Begehren
auf die nackte Einsamkeit
auf die Stufen des Todes
schreib ich deinen Namen
Auf die wiedergekehrte Gesundheit
auf die verschwundene Gefahr
auf die Hoffnung ohne Erinnerung
schreib ich deinen Namen
Und durch die Macht eines Wortes
beginne ich mein Leben neu
ich bin geboren um dich zu kennen
um dich zu nennen
Freiheit.