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Kapitalismus oder Industriegesellschaft?

Theodor W. Adornos Eröffnungsvortrag zum Soziologentag 1968, frei für heute erschlossen — und ein Versuch über den richtigen Gebrauch der Maschine.

10. August 2026

Rahmen

Man kennt die Klage: Die Schüler lassen sich von der Maschine die Aufgaben schreiben und denken nicht mehr selbst. Diese Seite ist das Gegenbeispiel — dieselbe Maschine, umgekehrt gebraucht.

Denkbar ist ein Lehrer, der sich nicht die Arbeit abnehmen lässt, sondern mit der Maschine eine Arbeit tut, die wirklich schwer ist: einen Text so weit zu verstehen, dass man ihn unterrichten kann. Adornos Rede zur Eröffnung des Soziologentags 1968 ist ein solcher Text — berüchtigt sperrig. Ein Vokabular, das verschwunden ist (wer weiß heute noch, was „Diamat" war?), der Ostblock in blumige Umschreibungen gehüllt, dazu Sätze, die dem raschen Zugriff mit Absicht widerstehen.

Die Methode war nicht „schreib mir eine Zusammenfassung". Sie war: die Grundgedanken abschnittsweise in heutige Sprache übersetzen lassen — und dann streiten. Hier zu flach. Dort widerspricht sich ein Adjektiv. Diesen Begriff musst du noch entschlüsseln. Und: Hält das eigentlich nach 1991 noch stand? Die Maschine schlug vor, der Lehrer urteilte, hakte nach, verwarf, korrigierte. Was hier steht, ist der Niederschlag dieses Hin und Her, nicht sein Ersatz.

Darin liegt der ganze Unterschied. Wer den Aufsatz der Maschine abgibt, hat sein Urteil delegiert — genau das, was die Schule aufbauen sollte. Wer mit der Maschine ringt, um zu verstehen, hat sein Urteil behalten und am Widerstand geschärft. Dasselbe Werkzeug, entgegengesetzter Gebrauch. Der Unterschied liegt nicht in der Maschine. Er liegt darin, ob man sie für sich denken lässt oder gegen sie denkt.

Was folgt, ist deshalb kein Ersatz für Adorno — das Original zu lesen lohnt die Mühe. Es ist ein Beispiel für einen Weg hinein. Und am Ende steht eine Aufgabe.


Der Vortrag beginnt mit einer Frage, die harmlos klingt: Leben wir im Kapitalismus oder in einer „Industriegesellschaft"? Das riecht nach Wortklauberei, nach Fachleuten, die sich streiten, wie man die Gegenwart am besten tauft. Ist es aber nicht. Dahinter steckt eine einzige, große Frage: Hatte Marx recht — oder ist er erledigt?

Zuerst muss man wissen, was „Industriegesellschaft" überhaupt behauptet, denn das Wort erklärt sich heute nicht mehr von selbst. Es behauptet, dass in unserer Zeit die Technik regiert. Nicht mehr die altmodische Frage, wem was gehört, prägt das Zeitalter, sondern der Maschinenpark, die Produktivität, das technische Können. Und wer so redet, sagt damit eigentlich: Kapitalismuskritik könnt ihr euch sparen. Wenn die Technik das Sagen hat, ist doch zweitrangig geworden, wem die Fabrik gehört.

Und die Argumente dafür sind stark, man muss sie ernst nehmen. Den Arbeitern geht es nicht mehr elend, sie haben Auto, Kühlschrank, Urlaub. Osten und Westen werden sich technisch immer ähnlicher. Und der große Zusammenbruch, den Marx vorhergesagt hat, ist einfach nicht gekommen. Also: Klassen aufgelöst, Sache erledigt?

Hier kommt Adornos entscheidender Dreh. Er sagt: Der Wohlstand hat die Frage nicht beantwortet — er hat sie nur unsichtbar gemacht. „Klasse" hieß nämlich nie, wie reich sich jemand fühlt oder was er sich leisten kann. Klasse hieß: wer befiehlt und wer gehorchen muss, wem der Laden gehört und wer für ihn arbeitet. Und das verschwindet nicht, bloß weil niemand mehr in Lumpen herumläuft. Wer nur den Lebensstandard misst, misst die Oberfläche und hält sie für die ganze Sache. Man kann in einem Abhängigkeitsverhältnis stecken, ohne es zu spüren — dann steckt man trotzdem drin.

Damit ist die Unterscheidung genannt, um die sich der ganze Vortrag dreht, und die muss man sich merken. Auf der einen Seite steht, was eine Gesellschaft herstellen kann: Technik, Wissen, Produktivität. Auf der anderen, wie sie organisiert ist: wem der Ertrag zufällt, wer kommandiert, wofür das Ganze überhaupt läuft. Eine Maschine allein sagt euch nämlich nicht, ob sie den Reichtum weniger mehrt oder alle satt macht. Das entscheidet nicht die Technik, das entscheiden die Verhältnisse. Und deshalb ist Adornos Angriff nie ein Angriff auf die Maschinen — Technikfeindschaft wäre dumm. Er greift die Verhältnisse an, in die die Technik eingespannt ist.

Es gibt zwei Arten, das zu verfehlen, und passenderweise macht jede der beiden Supermächte einen davon. Der Osten biegt sich die Wirklichkeit so lange zurecht, bis sie zur Parteilinie passt — eine Lehre, die schon alles weiß und deshalb nichts mehr sieht. Das war der „Diamat", der zur Staatsreligion erstarrte Marxismus des Ostblocks, eine Dialektik, zur Katechismusformel gefroren, die genau die Bewegung stillstellt, um die es eigentlich ginge. Wie tief diese Erstarrung reicht, zeigt eine Anekdote, die Adorno erzählt: Ein einflussreicher sowjetischer Intellektueller erklärte ihm, empirische Sozialforschung sei in der Sowjetunion eine ganz neue Wissenschaft — und hatte darüber vergessen, dass die Staatsdoktrin seines eigenen Landes selbst eine Gesellschaftstheorie ist und dass Marx höchstpersönlich Fragebögen verschickt hat. Der Westen macht das Gegenteil: Er zählt nur, was sich zählen lässt, und erklärt alles Unmessbare für nicht vorhanden. Dogma auf der einen Seite, Zahlengläubigkeit auf der anderen. Beide verlieren dabei das Wesentliche aus dem Blick.

Und darum gibt es hier keine saubere Antwort, kein A oder B zum Ankreuzen. Schon dass man sich entscheiden soll, ist die Falle: Der Zwang, zwischen zwei Kästchen zu wählen, ist der Zwang einer unfreien Ordnung, ins Denken verlängert. Die ehrliche Antwort heißt: beides zugleich. Wir leben in einer Industriegesellschaft, was die Technik angeht — und im Kapitalismus, was die Verhältnisse angeht. Und der Widerspruch dazwischen ist kein Denkfehler, den man wegräumt. Der Widerspruch ist der Zustand. Ihn auszusprechen, statt ihn schönzureden, ist die Aufgabe.

Warum man ohne das Wort Kapitalismus nicht auskommt

Bis hierher hat Adorno die Gegenseite ernst genommen. Jetzt dreht er den Spieß um: Dagegen stehen ebenso drastische Tatsachen, und die kriegt man ohne den Begriff Kapitalismus schlicht nicht erklärt.

Herrschaft läuft nach wie vor über die Wirtschaft. Aber — und das ist neu — beherrscht werden längst nicht mehr nur die kleinen Leute. Auch die da oben, die Eigentümer, die Chefs, sind selber zu Rädchen ihres eigenen Apparats geworden. Es gibt keinen bösen Mann mehr im Hinterzimmer, der an allen Fäden zieht. Der Apparat läuft, und alle bedienen ihn, auch die, die scheinbar das Sagen haben. Deshalb ist auch die beliebte Frage, ob heute noch die Eigentümer regieren oder schon die Manager, ziemlich nebensächlich — egal, wer am Steuer sitzt, gefahren wird dorthin, wo der Apparat hinwill.

Für diese Struktur borgt sich Adorno ausgerechnet ein Bild von Nietzsche, der das Gegenteil eines Sozialisten war. Nietzsche hat spöttisch von einer Zukunft geredet: „kein Hirt und eine Herde." Er meinte die eingeebnete Masse, alle gleich, alle brav, keiner ragt heraus — für ihn das Bild des Verfalls. Adorno kehrt es um: Ja, eine Herde ohne Hirten. Aber genau darin steckt, was Nietzsche nicht sehen wollte — die alte Unterdrückung, nur ist sie jetzt gesichtslos geworden. Kein Herr mehr, den man anklagen könnte, und trotzdem Herrschaft.

Auch die berühmte Verelendungstheorie — Marx' Prophezeiung, den Arbeitern gehe es immer schlechter — hat wörtlich nicht gestimmt. Aber in einem anderen, nicht weniger beklemmenden Sinn hat sie recht behalten. Was sich überall ausgebreitet hat, ist die Abhängigkeit von einer Maschinerie, die keiner mehr durchschaut, nicht einmal die, die sie bedienen. Man nennt die Leute gern unmündig — aber das ist nur die Kehrseite davon, dass sie so wenig wie eh und je Herr ihres eigenen Lebens sind. Es kommt über sie wie ein Schicksal, wie in einer alten Sage. Und gegen die gängige These von der eingeebneten Wohlstandsgesellschaft: Umfragen zeigen, dass die Leute das selbst gar nicht so empfinden. Auch in den Köpfen sind die Klassen keineswegs verschwunden.

Und der Imperialismus? Die Kolonien sind weg, die Großmächte mussten sie hergeben — also überholt, könnte man sagen. Von wegen. Der Vorgang, den die Theorie beschrieb, ist nicht verschwunden, er ist umgezogen: in den Gegensatz der beiden Machtblöcke, Ost gegen West, der alles überbietet, was sich die alte Theorie als „Endstadium" ausgemalt hat. Ob man den Klassengegensatz einfach auf das Verhältnis zwischen den reichen Industrienationen und den früheren Kolonien übertragen kann, lässt Adorno ausdrücklich offen. Heute würden wir sagen: globaler Norden gegen globalen Süden.

Die Bedürfnisse — Wohnung, Wissen, und was der Apparat daraus macht

Jetzt gibt Adorno seine eigene Antwort. Nach dem Stand der Technik ist unsere Gesellschaft Industriegesellschaft, nach ihren Verhältnissen ist sie Kapitalismus. Und in diesen Verhältnissen sind die Menschen bis heute das, was Marx schon um 1850 beschrieben hat: Anhängsel der Maschine. Früher wörtlich — der Arbeiter musste sich nach dem Takt seiner Maschine richten. Heute viel umfassender, bis in die intimsten Regungen hinein: Der Mensch fügt sich in den Gesellschaftsmechanismus ein wie ein Rollenträger und formt sich restlos nach ihm.

Produziert wird nämlich weiterhin für den Profit, nicht für die Bedürfnisse. Und hier liegt der Kern, jetzt genau aufpassen. Bei Marx galt noch, grob gesagt: Es gibt ein Bedürfnis, und die Wirtschaft versucht, es zu stillen. Heute ist das umgedreht. Die Bedürfnisse sind zu Funktionen des Apparats geworden. Der Apparat produziert nicht, weil ihr etwas braucht — er erzeugt erst das Bedürfnis, das zu dem passt, was er ohnehin herstellen will. Die Werbung liefert das Verlangen gleich mit. Und dann kann er sich noch darauf berufen: Seht her, die Leute wollen das doch.

Und jetzt der Satz, der heute fast schärfer trifft als 1968. Dieses Erzeugen künstlicher Bedürfnisse geht auf Kosten der echten. Adorno nennt zwei davon, mit Absicht so schlicht gewählt: erstens genug bezahlbaren Wohnraum. Und zweitens — das ist der eigentliche Hammer — Bildung und Information über die wichtigsten Vorgänge, die einen selbst betreffen. Man lese das zweimal. Die Gesellschaft überschüttet euch mit Angebot, mit Zeug, mit erzeugten Wünschen — und lässt euch ausgerechnet an den zwei Dingen verhungern, die ihr wirklich brauchtet: ein Dach über dem Kopf, das ihr euch leisten könnt, und das Wissen darüber, wie die Verhältnisse eigentlich funktionieren, in denen ihr steckt. Man hält euch gut versorgt und unwissend — unwissend über genau die Mechanismen, die euer Leben bestimmen. Man halte das neben die Gegenwart: Wohnungsnot in jeder größeren Stadt, und gleichzeitig ein Dauerrauschen an Information, das über alles Mögliche redet, nur nicht darüber, wer woran verdient und wie der Laden in Wahrheit läuft. Das ist keine Panne des Systems. Das ist seine Funktionsweise.

Und noch eine Wendung: Jenseits des zum nackten Überleben Nötigen genießt man am Ende gar nicht mehr die Sache selbst, sondern ihren Tauschwert — was sie hermacht, was sie über einen aussagt. Die Soziologie hat dafür brave Wörter, „Statussymbol", „Prestige", ohne zu begreifen, was dahintersteckt. Man kauft nicht die Uhr, man kauft, was die Uhr den anderen signalisiert. Das Ding ist nur noch Träger einer Botschaft.

Man könnte trotzdem meinen: Immerhin, es gibt mehr, die Leute haben mehr, das ist doch etwas. Und Adorno leugnet das nicht — im Gegenteil, er sagt etwas fast Hoffnungsvolles. In all dem Überfluss, so verformt er auch ist, zeichnet sich zum ersten Mal ganz konkret ab, dass ein Leben ohne Not möglich wäre. Nicht als Traum, sondern greifbar. Rein technisch müsste heute niemand mehr hungern, nicht einmal in den ärmsten Ländern. Das ist neu in der Weltgeschichte.

Und genau da zieht er die Schlinge zu. Löst dieser Wohlstand den Bann? Nein — er zieht ihn fester. Gerade dadurch, dass die Menschen so gut eingebunden, so satt und versorgt sind, hat der Zugriff auf sie sich verstärkt, nicht gelockert. Der Satte rebelliert nicht. Wer etwas zu verlieren hat, fügt sich. Die Integration ist keine Befreiung, sie ist die elegantere Fessel. Dass die Möglichkeit eines besseren Lebens trotzdem noch spürbar ist, irgendwo unter der Oberfläche, verrät die Panik: der blanke Schrecken, mit dem das System auf jede Form von Aufklärung reagiert, die nicht in seinem offiziellen Kanal vorgesehen ist. Man fürchtet nur, was möglich wäre.

Dazu die historische Ironie, die Adorno auskostet. Was Marx und Engels noch als bloße Utopie abgetan haben — als schöne Träumerei, die eine vernünftige Einrichtung der Gesellschaft nur sabotiere —, das ist inzwischen handgreiflich möglich geworden. Und heute ist ausgerechnet die Kritik an der Utopie zur Ideologie verkommen. Zwei Manöver laufen gleichzeitig, und beide haben denselben Effekt: Man soll aufhören, sich etwas Besseres vorzustellen. Das eine sagt: „Träumt nicht, das ist unrealistisch." Das andere sagt das Gegenteil und ist genauso falsch: „Die Utopie ist doch längst da, schaut euch den Fortschritt an, wir leben doch schon im Schlaraffenland." Einmal, weil es angeblich unmöglich sei. Einmal, weil es angeblich schon erreicht sei.

Und was verhindert nun wirklich, dass das Mögliche Wirklichkeit wird? Die internationalen Gegensätze, das Wettrüsten zwischen Ost und West, machen genau das unmöglich, was möglich wäre. Die Ressourcen, das Können, die Produktivität — all das, was ein Leben ohne Not schaffen könnte, wird in die Rüstung, in die Zerstörung umgeleitet. Was alle satt machen könnte, baut Bomben. Aber Schuld ist nicht die Technik. Es wäre der bequemste Reflex, auf die Maschinen zu schimpfen, eine Art moderne Maschinenstürmerei. Das Verhängnis ist nicht die Technik, sondern ihre Verfilzung mit diesen Verhältnissen. Dieselbe Technik, die heilen und ernähren könnte, wird auf Profit, Kontrolle und Zerstörung getrimmt — und ihre menschenfreundlichen Möglichkeiten verkümmern ungenutzt. Nicht umsonst ist die perfekteste Technik dieses Zeitalters die der Zerstörung.

Die Signatur des Zeitalters

Jetzt eine Beobachtung, die zunächst komisch wirkt. Unsere Gesellschaft ist doch total dynamisch — Wachstum, Fortschritt, jedes Jahr neuere Geräte. Adorno sagt: Schaut genauer hin, unter all der Bewegung ist etwas seltsam starr. Und zwar das Entscheidende: wer das Sagen hat, wer den Gewinn einstreicht, wofür überhaupt produziert wird. Besitz ist zwar teilweise zu Verwaltung geworden, und ganz oben sitzt inzwischen der Staat selbst und managt das Ganze wie ein einziger großer Eigentümer. Aber das Grundverhältnis bleibt. Und weil dieses Verhältnis gelernt hat, flexibel zu sein — es flickt, passt sich an, fängt Krisen ab —, entsteht eine Täuschung: Es sieht so aus, als könnte man sich gar nichts anderes mehr wünschen, als dass alles so bleibt. Hauptsache Vollbeschäftigung, Hauptsache es läuft. Dass es auch darum gehen könnte, die Menschen von einer Arbeit zu befreien, die sie nicht selbst bestimmen, kommt gar nicht mehr vor. Dabei ist dieser Zustand nur ein Gleichgewicht auf Zeit, ein Patt zwischen Kräften, die ihn jeden Moment zerreißen könnten.

Ein Schreckbild: Marx kannte die „industrielle Reservearmee", die Arbeitslosen, die man in Reserve hält, damit sie die Löhne drücken. Adorno dreht das ins Ungeheure — inzwischen ist die ganze Menschheit virtuell ihre eigene Reservearmee und wird durchgefüttert. Die Maschinen übernehmen, lebendige Arbeit wird immer weniger gebraucht. Was macht man dann mit den Menschen, die man produktiv gar nicht mehr braucht? Man hält sie am Leben, versorgt sie, hält sie bei Laune — in Bereitschaft, aber im Grunde überflüssig. „Durchgefüttert" ist ein hartes Wort, und mit Absicht hart: versorgt, aber nicht gebraucht, nicht gefragt. Man halte das neben die heutigen Debatten über Automatisierung und Grundeinkommen — der Gedanke ist von 1968.

Jetzt der intellektuelle Höhepunkt, und er richtet sich gegen Marx selbst. Marx hat darauf gebaut, dass die Produktivkräfte die alten Verhältnisse mit Notwendigkeit sprengen — dass die Geschichte garantiert auf die Befreiung zusteuert, wie ein Körper, der aus zu kleinen Kleidern herauswächst und die Naht platzen lässt. Adorno sagt: Das war zu optimistisch, und ausgerechnet an diesem Punkt ist Marx, der geschworene Feind des deutschen Idealismus, selber Idealist geblieben. Denn dieser Glaube, die Geschichte laufe garantiert aufs Gute hinaus, ist nichts anderes als Hegels „Weltgeist", nur ökonomisch eingekleidet: die Idee, ein vernünftiger Plan lenke die Geschichte und führe am Ende alles zum Besseren. Und dieser Fortschrittsglaube ist heimlich konservativ. Wenn die Geschichte sowieso bei der Freiheit ankommt, dann ist die miese Gegenwart bloß eine notwendige Durchgangsstation, also im Grunde gerechtfertigt — und dann muss man selbst gar nichts tun, man kann warten. Das widerspricht dem berühmtesten Satz, den Marx je geschrieben hat, der elften Feuerbach-These: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt darauf an, sie zu verändern." Auf den Weltgeist zu vertrauen heißt, die Welt zu deuten und dadurch zu rechtfertigen — das Gegenteil von verändern. Wer sich zu sicher ist, dass die Geschichte für ihn arbeitet, hört auf zu handeln. Der Optimismus lähmt.

Und hier meldet sich verlässlich der Einwand: „Aber die Sowjetunion IST doch zusammengebrochen. 1991. War also alles falsch — hatte der Westen am Ende recht?" Die Antwort führt mitten ins Herz von Adornos Unterscheidung. Erste Gegenfrage: Welcher Zusammenbruch? Der, den Marx meinte, war der Zusammenbruch des Kapitalismus — die Idee, das System kippe an seinen eigenen Widersprüchen um, in etwas Freieres. Was 1991 geschah, war das genaue Gegenteil: Nicht der Kapitalismus brach zusammen, sondern die Kommandowirtschaft im Osten, und sie brach nicht in Freiheit auf, sondern in den kapitalistischen Weltmarkt hinein. Zwei völlig verschiedene Dinge, die nur zufällig dasselbe Wort teilen. Für Adorno war die Sowjetunion ohnehin nie das Gegenteil des Kapitalismus, sondern eine Spielart desselben — dieselbe Herrschaft der Verhältnisse über die Menschen, nur in anderer Betriebsart. Er sagt es im Vortrag direkt: Auch im Osten seien aus der Entfesselung der Technik wieder fesselnde Verhältnisse entstanden, die Produktion sei zum Selbstzweck geworden und habe genau das verhindert, worum es ginge — die Freiheit. Von da aus liest sich 1991 so: Es bestätigt Adornos Diagnose, es widerlegt sie nicht. Die starrste Variante dieser Herrschaft, der bürokratische Kommandoapparat, ist zuerst zerrissen, weil sie die über sie hinausgewachsenen Kräfte am wenigsten fassen konnte. Und über den Westen ist damit nur eines „bewiesen", ein ziemlich bitteres: dass die elastischere Herrschaftsform die starrere überlebt hat — jene Zähigkeit, sich durchzuwursteln und den Zusammenbruch immer weiter aufzuschieben, die Adorno dem Westen von Anfang an bescheinigt hatte. Ein Zusammenbruch, der keine Freiheit bringt, ist eben nicht der Zusammenbruch, den Marx meinte. Der Bann ist 1991 nicht gewichen, er hat sich ausgebreitet: Die westliche Variante wurde global. Deshalb wäre für Adorno das triumphale „Ende der Geschichte, Kapitalismus bewiesen, Marx erledigt" genau der Denkfehler, vor dem der ganze Vortrag warnt — aus dem bloßen Überleben einer Ordnung ihre Rechtfertigung zu machen. (Ein ehrlicher Vorbehalt: Adorno ist 1969 gestorben, er hat 1991 nicht erlebt. Das ist mit seinem Werkzeug weitergedacht, kein Zitat — aber es liegt nah, weil er den Osten durchweg als Fall seiner eigenen Theorie behandelt, nie als ihren Gegenspieler.)

Warum ist die Revolution nun ausgeblieben? Adorno borgt sich ein Wort vom Ökonomen Veblen: die „underlying population", die tragende, unten liegende Bevölkerung, die die Last schultert. Und seine Antwort ist wieder dieselbe: Die Gesellschaft hat diese Leute nicht draußen gelassen, sondern sich einverleibt. Im 19. Jahrhundert stand das Industrieproletariat halb außerhalb der Gesellschaft, wie ein Fremdkörper — und Fremdkörper können sich auflehnen. Heute sind alle drin, integriert, versorgt. Und wer drin ist, rebelliert nicht.

Damit man ihn nicht falsch versteht: Adorno ist kein Revolutionsromantiker. Man könnte diese Integration ja bedauern — wäre sie nicht gekommen, hätten wir vielleicht die Revolution gehabt. Adorno widerspricht entschieden: So darf man nicht denken. Das wünscht sich nur der ungeschehen, der das Glück des Ganzen abstrakt über das der lebendigen einzelnen Menschen stellt. Wer sich zurückwünscht, dass die Leute ärmer und elender geblieben wären, nur damit endlich die Revolution zündet, der opfert wirkliche, atmende Menschen einer Idee — der macht aus „der Menschheit" oder „der Geschichte" einen Götzen. Dass die Not kleiner geworden ist, ist ein echter Gewinn, auch wenn er die Revolution gekostet hat. Das lebende Einzelwesen zählt, nicht das große Ganze.

Was übrig bleibt, ist ein Riss. Das objektive Interesse an Veränderung ist riesig — die Zahl derer, denen eine andere Ordnung nützen würde, ist längst weit über die alte Arbeiterklasse hinausgewachsen, das sind heute fast alle. Aber die subjektive Spontaneität, der Wille, tatsächlich etwas zu tun, ist verkümmert, erdrückt vom schieren Gewicht des Bestehenden. Alle hätten Grund. Keiner bewegt sich. Genau darin kippt Marx' Hoffnung, eine Idee werde zur realen Macht, sobald sie die Massen ergreift, in ihr Gegenteil: Der Lauf der Welt hat ihn umgedreht. Jetzt ist der festgezurrte, verwaltete Kopf die reale Macht — gelähmt bis in die bloße Fähigkeit hinein, sich die Welt überhaupt anders vorzustellen. Kulturindustrie und Meinungsmonopole sorgen dafür, dass die einfachsten Einsichten und die unbequemsten Fragen gar nicht erst ankommen. Der manipulierte Geist arbeitet für die Unterdrückung, nicht gegen sie.

Der Schluss: der Bann und wie man ihn bricht

„Ich bin am Ende", sagt Adorno, und dann zieht er alles zusammen. Die bequeme Antwort auf die Ausgangsfrage war, Technik und Verhältnisse seien dasselbe geworden, also könne man die Gesellschaft einfach von der Technik her erklären, fertig. Und jetzt sagt er etwas Genaues und Überraschendes: Dieser Eindruck ist nicht einfach dumm. Er ist notwendiger Schein — eine Täuschung, aber eine mit guten Gründen, aus der Sache selbst entstanden. Kein Irrtum, den man mit einem Hinweis wegräumt.

Warum entsteht die Täuschung? Weil tatsächlich alles zusammengeschaltet wird. Früher waren Herstellung, Verteilung, Verbrauch getrennte Sphären mit eigenen Grenzen. Heute werden sie gemeinsam verwaltet, die Grenzen verfließen, alles wird auf einen Nenner gebracht, die lebenden Menschen eingeschlossen. „Alles ist eins", so wirkt es. Und weil alles so nahtlos ineinandergreift, sieht man das Entscheidende nicht mehr: dass diese Einheit erzwungen ist und darunter der alte Gegensatz weiterschwelt. Das ist der Trick — die Vermittlung ist so total geworden, dass sie sich selbst unsichtbar macht. Wenn jedes Ding mit jedem verbunden ist, fällt gar nicht mehr auf, dass da überall Abhängigkeit und Herrschaft im Spiel sind. Die lückenlose Vernetzung tarnt sich als bloße Natur.

Hier kommt das Bild, das dem Ganzen den Namen gibt — Adorno sagt, das habe er mit Horkheimer vor Jahrzehnten den „technologischen Schleier" genannt. Stellt euch einen Schleier aus lauter Technik vor, der über der Welt liegt. Er sieht glänzend aus, modern, vernünftig. Und er verhüllt, worauf es ankommt: dass die alten Herrschaftsverhältnisse unangetastet weiterlaufen. Alle reden von der technischen Vereinheitlichung, vom Fortschritt, von der vernetzten Welt — und keiner redet mehr davon, wem das nützt. Man verwechselt die technische Einheit der Welt mit einem Einssein der Menschen mit ihren eigenen Verhältnissen, als wären wir alle mit dem System versöhnt, bloß weil alles technisch zusammenhängt. Man merkt vielleicht, wie unheimlich genau das auf unsere digitale Gegenwart passt — alles vernetzt, alles smart, und die Frage, wem der Laden gehört, verschwindet hinter der glänzenden Oberfläche.

Und die bitterste Beobachtung: Die Verhältnisse laufen weiter, aber man findet ihre Nutznießer kaum noch. Erst sind die Proletarier unsichtbar geworden, jetzt werden auch die Profiteure unsichtbar. Es gibt keinen fetten Kapitalisten mit Zylinder mehr, auf den man zeigen könnte. Das System hat sich gegenüber allen verselbständigt, auch gegenüber denen, die scheinbar oben sitzen. Es läuft, aber niemand steuert es. Und dieser Zustand drückt sich, mit Freud, in einer „frei flutenden Angst" aus — einer Angst ohne Gegenstand, die nirgends mehr andocken kann, weil es keinen konkreten Gegner, keine greifbare Schuld, keine Klasse mehr gibt, an die sie sich heften könnte. Ein diffuses Unbehagen, das in der Luft liegt und keinen Namen findet. Auch das kennt man aus der eigenen Zeit ziemlich gut.

Einwand aus der Klasse

„Aber den Mann mit Zylinder gibt es doch wieder — Musk, der eine Geste macht, die viele als Hitlergruß deuteten (er bestreitet es); Bezos, dessen Hochzeit halb Venedig absperrt, die Privatjets und Megayachten. Die verstecken sich nicht, die posieren. Wo ist da noch irgendetwas unsichtbar?"

Der Einwand sitzt, und ein Teil davon ist wirklich berechtigt. Adornos Bild von 1968 — die verschwundenen Nutznießer, die anonyme Konzernverwaltung — war auf den Manager-Kapitalismus seiner Zeit geeicht, auf die „formierte Gesellschaft", die er selbst nennt. Seither hat der Neoliberalismus das Eigentum wieder konzentriert und wieder personalisiert, krasser, als Adorno es sich vorstellen konnte. Wer das einwirft, presst den Text nicht ins alte Bild, sondern prüft, wo er trägt und wo er einen Riss hat — genau der Umgang, um den es hier geht.

Aber jetzt die Gegenfrage, und das ist der eigentliche Adorno: Sichtbarkeit ist nicht Macht. Ihr seht Musk — steuert er das System, oder wirft das System Leute wie ihn nach oben? Die Probe: Verschwänden Musk und Bezos morgen, liefe die Logik anders? Der Wachstumszwang, das Absaugen des Mehrwerts, die Verwandlung von Aufmerksamkeit und Daten in Ware — es spülte den Nächsten nach oben. Genau das meinte Adorno mit der „Verselbständigung des Systems gegenüber allen, auch den Verfügenden": Auch der Milliardär ist Rollenträger. Er hat die Logik nicht erfunden, er reitet sie. Ein Gesicht, kein Autor — und Gesichter sind austauschbar.

Und jetzt der genauere Blick, der den Einwand fast umdreht. Diese sichtbaren Milliardäre sind Vertreter eines Techno-Kapitalismus: groß geworden durch Technik, die dem Konsumenten zugewandt ist — Elektromobilität, Raumfahrt, Onlinehandel, Suchmaschinen, soziale Medien, Datenbanken, KI. Ihr Produkt liegt in eurer Hosentasche; deshalb seht ihr sie. Aber schaut, wer nicht im Bild ist: Kaum jemand kann den Chef eines großen Rüstungskonzerns nennen — Lockheed Martin, RTX, General Dynamics —, während Musks Gesicht überall ist. Die Rückkehr des sichtbaren Kapitalisten ist also selektiv: Sichtbar wird die Konsumsphäre, unsichtbar bleibt die Kriegswirtschaft. Und ausgerechnet die hat Adorno als den verborgenen Ort benannt, der einen riesigen Teil des Sozialprodukts schluckt, der sonst keinen Markt fände. Der zurückgekehrte Zylinder zerreißt den technologischen Schleier also nicht — er ist ein Stück davon: Er bietet euch ein grelles Gesicht in der Konsumsphäre an, während der dunkelste Teil der Maschine weiter gesichtslos bleibt.

Dazu passt, was bei den autoritären Bewegungen stand. Die geben der gegenstandslosen Angst ein Gesicht, einen Schuldigen — falsche Konkretheit für eine reale Abstraktion. Der sichtbare Milliardär funktioniert genauso, nur von der anderen Seite: Auf Musk zu zeigen gibt das befriedigende Gefühl, das Problem gefunden zu haben — „es liegt an dem da". Und dieses Gefühl kann die Struktur verdecken. „Es liegt an Musk" ist am Ende genauso ein Schleier wie „es liegt an niemandem". Der sichtbare Bösewicht ist ein Blitzableiter.

Die Auflösung heißt deshalb nicht „Adorno hat recht" oder „der Schüler hat recht", sondern: beides zugleich, und der Widerspruch ist der Punkt. Der Milliardär ist hypersichtbar als Person und ohnmächtig als Person über die Logik, die er verkörpert. Auf ihn zu zeigen ist berechtigt — er ist realer Profiteur, reale Macht — und eine Falle, weil es ein Verhältnis auf einen Namen verkürzt. Nicht Musk oder niemand: Es sind die Verhältnisse, die die Musks hervorbringen und ermächtigen — und die, wären sie weg, den nächsten hervorbrächten. In diesem Sinn bleibt der Nutznießer strukturell anonym, auch mit berühmtem Gesicht.

Und jetzt die Drehung, wegen der Adorno kein bloßer Schwarzseher ist — der Satz, auf den der ganze Vortrag zusteuert. Er fragt: Was hat sich da eigentlich verselbständigt, dieses übermächtige System, das über allen thront? Die Antwort ist entwaffnend: Am Ende sind es nur die Beziehungen zwischen Menschen, vergraben unter den Verhältnissen, aber nichts anderes als von Menschen Gemachtes. Kein Naturgesetz, kein Schicksal, kein Fluch von außen. Menschenwerk. Deshalb bleibt diese erdrückende Ordnung der Dinge im Grunde ohnmächtig: Sie hält sich nur, weil wir glauben, sie sei unumstößlich — sie ist bloß ihre eigene Ideologie. Und dann der Satz: „So undurchdringlich der Bann, er ist nur ein Bann." Ein Bann ist ein Zauber. Und ein Zauber ist genau das, was gebrochen werden kann, sobald man ihn als Zauber durchschaut. Nichts an unserer Lage ist natürlich oder ewig. Alles daran ist gemacht — und was gemacht ist, lässt sich ändern.

Mit dieser kleinen, harten Hoffnung gibt Adorno der Soziologie zum Schluss ihre eigentliche Aufgabe. Sie soll nicht bloß Agenturen und Auftraggebern brauchbare Daten liefern — das ist der Seitenhieb auf die reine Marktforschung, die sich Wissenschaft nennt. Sie soll ihren Beitrag leisten, so bescheiden er auch sei, dass der Bann sich löst. Nicht mit Mitteln, die selber schon dem Zauber verfallen sind, nicht mit derselben verdinglichten, zählenden Denkweise, die das Problem ist. Sondern indem sie den Bann beim Namen nennt. Wissenschaft nicht als Dienstleistung am Bestehenden, sondern als das mühsame Werkzeug, mit dem man einen Zauber bricht.

Und heute? Drei Fragen an die Gegenwart

Adornos schärfstes Werkzeug ist bei den naheliegenden Gegenwartsfragen dasselbe: der Verdacht gegen die vorschnelle Gewissheit. Jede der drei lockt in eine fertige Antwort — der Kapitalismus stirbt, die Autoritären sind über uns hereingebrochen, der Krieg ist unausweichlich —, und jede dieser fertigen Antworten ist genau die Denkfaulheit, vor der der ganze Vortrag warnt. (Vorbehalt wie oben: Das ist sein Werkzeug auf die Gegenwart angewendet, nicht seine Stimme.)

Bricht der Kapitalismus zusammen?

Seine Antwort wäre: Ihr verwechselt zwei Dinge, wie schon 1991. Der Zusammenbruch, den Marx meinte, war der ins Freiere — das System platzt an seinen Widersprüchen, und etwas Besseres kommt. Was ihr heute seht — Finanzkrisen, Pandemieschocks, Inflation, Klimaschäden —, ist nicht dieser Zusammenbruch. Es ist der Normalbetrieb. Adorno sagt es im Vortrag fast beiläufig, und es ist einer seiner härtesten Gedanken: Der Staat, der eingreift, das Rettungspaket, die Intervention — das ist nicht systemfremd, das ist die Selbstverteidigung des Systems, ihm einverleibt. Krise ist nicht das Ende des Kapitalismus, Krise ist seine Betriebsart. Oft geht er sogar gestärkt und konzentrierter aus ihr hervor.

Was tatsächlich zerbröckelt, ist etwas anderes — und das ist der genauere Punkt: nicht seine Macht, sondern seine Rechtfertigung. Das vertraute Selbstbild — freier, gerechter Tausch, Leistung lohnt sich — glaubt kaum noch jemand. Adorno hat dafür eine unheimlich präzise Formel: Die Integration wird zum Deckbild der Desintegration. Je mehr alles zusammengehalten, verwaltet, geglättet wird, desto mehr fällt darunter auseinander — und das Zusammenhalten dient am Ende nur noch dazu, den Zerfall zu verdecken. Das ist die eigentlich gefährliche Lage: nicht ein System, das fällt, sondern eines, das sich nicht mehr rechtfertigen kann und trotzdem nicht weicht. Ein System ohne Legitimation regiert dann mit anderen Mitteln. Und damit sind wir bei der zweiten Frage.

Ein Zusatz, den Adorno 1968 nur erahnen konnte. Er hat das „einfache Überleben" als das eine Bedürfnis bezeichnet, von dem alle anderen abhängen, und als das ständig bedrohte. Damals hing die Bedrohung als Möglichkeit über allem: die Bombe, die jeden Moment fallen konnte. Heute ist eine zweite Bedrohung dieser Grundlage nicht mehr bloß möglich, sondern da — die Klimakrise. Sie trägt einen Namen, den Adorno im Vortrag selbst gebraucht: „Gewalt gegen die Natur", die er zu dem zählt, wovon eine befreite Technik sich entfernen würde. Die Kehrseite ist die Figur aus der Dialektik der Aufklärung: Die Naturbeherrschung, ins Maßlose getrieben, schlägt auf ihre Urheber zurück. Der Apparat greift die Lebensgrundlage an, auf der er steht.

Und anders als 1968 muss man das nicht mehr erklären — man spürt es am eigenen Körper. In Österreich fiel im Sommer 2026 zum ersten Mal in der Messgeschichte in allen drei Sommermonaten die 40-Grad-Marke; Anfang August wurde der Allzeitrekord von 2013 innerhalb weniger Tage mehrfach gebrochen, bis auf 41,2 Grad. Was über ein Jahrhundert lang eine seltene Ausnahme war — 40 Grad in Österreich —, wird zur wiederkehrenden Größe. Die „objektive Irrationalität", die Adorno meinte — ein Können, das die eigene Grundlage untergräbt —, hat damit aufgehört, eine bloße Denkfigur zu sein. Sie steht als Zahl auf dem Thermometer.

Was bedeutet das Wiedererstarken autoritärer Bewegungen?

Hier wäre Adorno am wenigsten überrascht — er hat die Bedingungen dafür genau beschrieben, der Vortrag läuft fast darauf zu. Nehmt drei Fäden, die er gelegt hat, und legt sie übereinander. Erstens die frei flutende Angst: das Unbehagen ohne Gegenstand, das sich an keine Person, keine Klasse mehr heften kann, weil das System gesichtslos geworden ist. Zweitens die Unsichtbarkeit der Nutznießer: Man findet niemanden mehr, auf den man zeigen könnte, keinen fetten Kapitalisten mit Zylinder. Drittens die Regression — der Zerfall des selbständigen Ich, das nicht mehr aushält, sich als ohnmächtiges Objekt eines Prozesses zu erkennen.

Und jetzt seht, was autoritäre Bewegungen mit diesen drei Fäden machen: Sie knüpfen sie zu einem Angebot zusammen. Sie geben der gegenstandslosen Angst einen Gegenstand — den Fremden, die Elite, „die da oben", „die da draußen". Sie liefern die Sichtbarkeit nach, die die Struktur verweigert: Wo die wahre Ursache abstrakt und gesichtslos ist, bieten sie ein Gesicht, einen Schuldigen, eine Verschwörung. Und sie versprechen dem zerfallenen Ich seine verlorene Handlungsmacht zurück — „hol dir die Kontrolle zurück", ein starker Mann, der das ohnmächtige Subjekt wieder zum Herrn macht. In Adornos Sprache: falsche Konkretheit für eine reale Abstraktion, Pseudo-Handlungsmacht für reale Ohnmacht. Der Zorn ist echt und oft berechtigt; nur wird er auf ein falsches Objekt gelenkt — dorthin, wo er das Verhältnis, das ihn erzeugt, gerade nicht trifft.

Der unbequemste Teil, und der ist reiner Adorno: Das ist keine Invasion von außen. Autoritäre Bewegungen sind kein Fremdkörper, der über die liberale Ordnung herfällt — sie wachsen aus ihrem eigenen Boden, aus genau der Regression und Ohnmacht, die die Ordnung selbst erzeugt. Adorno hat einmal gesagt, das Weiterleben des Faschismus innerhalb der Demokratie halte er für bedrohlicher als jede faschistische Bewegung gegen sie. Übertragen heißt das: Nicht die lauten Ränder sind das eigentliche Problem, sondern die Bedingungen in der Mitte, die die Ränder immer wieder nachfüllen.

Kommt ein dritter Weltkrieg?

Hier wird Adorno euch die Antwort verweigern, die ihr wollt — aus Prinzip. Sein schärfster Vorwurf an Marx war der garantierte Ausgang, der heimliche Weltgeist. Wer den Krieg für unausweichlich erklärt, macht denselben Fehler, nur ins Düstere gewendet: Er behandelt die Zukunft als feststehend und entlässt sich selbst aus der Verantwortung. Genauso falsch ist das Gegenteil, das Adorno ausdrücklich verspottet — die, die „Gefahren der Entspannung orakeln", also den Frieden für gesichert halten. Beides ist Abdankung des Denkens.

Was er stattdessen sagt, ist unbequemer, weil es offen bleibt. Der Druck zur Katastrophe ist real und eingebaut. Der Grundgegensatz ist nie gelöst, nur verwaltet worden; er zeigt sich, sagt Adorno, an den außenpolitischen Konflikten und der permanenten Kriegsmöglichkeit. Die Rüstung ist dabei keine Entgleisung, sie ist funktional: Sie schluckt einen Teil des Sozialprodukts, der sonst keinen Markt fände. Und — der Gedanke, den ihr mitnehmen müsst — nicht die Waffen sind das Verhängnis, sondern ihre Verfilzung mit den Verhältnissen. Ein Krieg kommt nicht, weil es Bomben gibt, sondern weil die Bomben in einem ungelösten Antagonismus stecken, an dem außerdem verdient wird.

Der Vortrag lässt genau diese Frage offen. Ob der gesellschaftlich sich steigernde Destruktionstrieb am Ende triumphiert, „wird sich weisen", schreibt Adorno — kein Ja, kein Nein. Eine Warnung, keine Prophezeiung. Und das ist ehrlicher als jede Zahl.

Der gemeinsame Nenner

Alle drei Fragen haben dieselbe Form. Jede will eine Gewissheit — Untergang, Überwältigung, Unausweichlichkeit —, und in jeder ist die Gewissheit selbst schon die Falle. Der Kapitalismus stirbt nicht von allein, die Autoritären sind nicht das Wetter, der Krieg ist nicht das Schicksal. Das alles ist gemacht: von Menschen, aus Verhältnissen zwischen Menschen. Und damit sind wir wieder bei dem Satz, auf den der ganze Vortrag zusteuert — „so undurchdringlich der Bann, er ist nur ein Bann." Das ist keine billige Zuversicht, es ist ihr Gegenteil: Wenn nichts von alldem Naturgesetz ist, dann gibt es auch niemanden, auf den man die Verantwortung abschieben könnte. Nichts ist entschieden. Das ist die schlechte und die einzige gute Nachricht zugleich.

Die Aufgabe

Nimm den nächsten Adorno-Vortrag und erschließe ihn selbst. Ein passender, dort, wo dieser hier endet: Aspekte des neuen Rechtsradikalismus, der Wiener Vortrag von 1967 — Adorno über die Bedingungen, die autoritäre Bewegungen wiederkehren lassen. Er liest sich heute wie eine Diagnose von gestern.

Gebrauche die Maschine so, wie der Lehrer sie hier gebraucht hat: als Sparringspartner, nicht als Ghostwriter. Lass sie vorschlagen — und tu dann das eine, was sie nicht für dich tun kann: urteilen. Frag sie, wo sie geglättet hat, wo sie falsch liegt, wo die Entschlüsselung noch etwas verbirgt. Das Ziel ist nicht der fertige Text. Das Ziel ist, dass du am Ende den Vortrag verstanden hast — und deine Lesart gegen die der Maschine verteidigen könntest.

Gespräche mit Claude Start