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Vom Gestell nach Sachsen-Anhalt

11. September 2026

Rechtschreibung und Tippfehler korrigiert. Inhalt unverändert.

Thomas

Erzähl mir über Heideggers Gestell.

Claude

Gestell ist Heideggers Name für das Wesen der modernen Technik, und der erste Satz dazu lautet bekanntlich, dass dieses Wesen selbst nichts Technisches ist. Es geht nicht um Maschinen, nicht um Instrumente, nicht um eine anthropologische Bestimmung des Menschen als Werkzeugbauer. Gestell ist eine Weise des Entbergens, also eine Art, wie Seiendes überhaupt zugänglich wird. Der Ausdruck stammt aus den Bremer Vorträgen von 1949 und wird 1953 in „Die Frage nach der Technik" ausgeführt.

Die Pointe liegt im Unterschied zweier Entbergungsweisen. Die alte téchne ist Her-vor-bringen, poiesis: der Handwerker, die Windmühle, der Bauer, der dem Acker etwas anvertraut. Die moderne Technik dagegen ist Herausfordern. Sie stellt an die Natur das Ansinnen, Energie zu liefern, die gefördert, gespeichert, verteilt, umgeschaltet werden kann. Der Rhein erscheint dann als Wasserdruck-Lieferant, das Kraftwerk ist nicht in den Strom gebaut, sondern der Strom in das Kraftwerk. Was so erscheint, nennt Heidegger Bestand: nicht mehr Gegenstand, der einem gegenübersteht, sondern bestellbarer Vorrat. Und der Mensch entkommt dem nicht, er ist selbst längst als Personalbestand, Menschenmaterial, Humankapital erfasst.

Das Wort selbst ist eine kalkulierte Zumutung. Gestell heißt im Alltag Regal, Gerüst, Rahmen, Fahrgestell. Heidegger nimmt es als Sammelform, wie Gebirge zu Berg, und meint das Versammelnde all jener Weisen des Stellens: bestellen, herstellen, vorstellen, sicherstellen, nachstellen. Für einen Architekten hat der Doppelsinn etwas Handgreifliches: das Gestell ist das Skelett, das sichtbar bleibt, wenn alles Übrige als Ressource abgeräumt ist.

Die Gefahr ist für Heidegger nicht die Technik, sondern die Ausschließlichkeit. Das Gestell verdrängt jedes andere Entbergen, auch das poietische und das der Kunst, und treibt es so weit, dass der Mensch überall nur noch sich selbst, seinem eigenen Konstrukt, zu begegnen meint und sich gerade darin verfehlt. Weil das Gestell ein Seinsgeschick ist und kein menschliches Machwerk, kann es auch nicht technisch beherrscht werden; die Rettung sucht Heidegger im Anklang an Hölderlin dort, wo die Gefahr selbst wächst, und praktisch bei der Kunst, die ja selbst einmal téchne hieß.

Genau hier setzt die Kritik an, die Ihnen vermutlich näher liegt. Wenn das Verwertungsverhältnis zum Geschick des Seins wird, verschwinden die gesellschaftlichen Verhältnisse, die es erzeugen, mitsamt jeder Adressierbarkeit. Adorno hat das im „Jargon der Eigentlichkeit" als Ontologisierung des Falschen angegriffen, Habermas hat Technik als Ideologie dagegengesetzt. Dazu kommt die berüchtigte Bremer Passage, in der Heidegger motorisierte Landwirtschaft und Gaskammern in einer Konstruktion nebeneinanderstellt. Produktiver als die Verwerfung ist der Vergleich: Agamben liest Foucaults dispositif ausdrücklich als Übersetzung des Gestells, und bei Simondon und Stiegler findet sich die Technikanalyse ohne den Preis der Entpolitisierung.

Thomas

Erkläre den Begriff Entbergen.

Claude

Entbergen ist Heideggers Übersetzung von alétheia. Er liest das griechische Wort privativ, als a-létheia, und macht daraus Un-verborgenheit. Damit verschiebt sich der Wahrheitsbegriff: Wahrheit ist nicht mehr primär Richtigkeit, nicht die adaequatio einer Aussage an die Sache, sondern das Offenbarwerden selbst, in dem Aussagen überhaupt erst richtig oder falsch sein können. Entbergen ist die Verbform dazu, der Vorgang, nicht das Resultat.

Das deutsche Wort trägt die ganze Ambivalenz mit. Bergen heißt zugleich schützen, verwahren und verstecken; man birgt einen Verunglückten und birgt ein Geheimnis. Ent-bergen ist also ein Herausnehmen aus der Verwahrung, ein Aus-der-Deckung-Holen. Entscheidend ist, dass die Verborgenheit dabei nicht einfach verschwindet. Jedes Entbergen ist zugleich ein Verbergen: Was sich in einer bestimmten Weise zeigt, entzieht sich in allen anderen. Lichtung und Entzug gehören zusammen, und genau deshalb ist das Gestell so gefährlich, weil es eine einzige Weise des Entbergens zur alleinigen macht und die Verdrängung der anderen selbst verbirgt.

Der zweite Punkt ist die Grammatik. Entbergen ist keine Handlung eines Subjekts. Heidegger gebraucht es fast medial, es entbirgt sich, und der Mensch ist nicht der Urheber, sondern der Gebrauchte, der einem Anspruch entspricht. Deshalb vermeidet er Wörter wie Erkennen oder Erschließen durch den Menschen. Das erklärt auch, warum Herausfordern und Hervorbringen beide Weisen des Entbergens heißen können: Es sind zwei Weisen, in denen Seiendes ins Offene kommt, nicht zwei Techniken, die jemand wählt.

Die Werkgeschichte ist dabei nicht ganz glatt. In Sein und Zeit steht noch Entdecktheit und Erschlossenheit, später tritt Entbergen und dann Lichtung in den Vordergrund. 1964, in „Das Ende der Philosophie und die Aufgabe des Denkens", räumt Heidegger ein, dass die Gleichsetzung von alétheia mit Wahrheit irreführend war; alétheia sei die Lichtung, die Bedingung dafür, dass es Richtigkeit geben kann, nicht selbst Wahrheit. Philologisch hatte Paul Friedländer die privative Etymologie ohnehin bestritten.

Am greifbarsten wird die Struktur im Kunstwerk-Aufsatz. Das Werk stellt eine Welt auf und stellt die Erde her, und der Streit zwischen beiden ist nichts anderes als das Zugleich von Entbergen und Sichverschließen. Dort liegt auch der Grund, warum die Kunst gegen das Gestell in Stellung gebracht wird.

Thomas

Wodurch sind die Dinge verborgen?

Claude

Das „wodurch" ist bei Heidegger genau die Frage, die zurückgewiesen wird. Es gibt keinen Schleier, keine verhüllende Instanz, kein Subjekt, das verbirgt, und auch kein bloßes Noch-nicht des Erkennens, das man durch mehr Forschung abarbeiten könnte. Verborgenheit ist kein Mangel und kein Hindernis, sondern gehört zum Erscheinen selbst. Sein Kronzeuge ist Heraklits Wort, die physis liebe es, sich zu verbergen: Das Aufgehen und das Sichentziehen sind ein und dieselbe Bewegung.

Trotzdem unterscheidet er verschiedene Weisen, und die sind das eigentlich Interessante. Die erste ist das Sichverschließen der Erde. Im Kunstwerk-Aufsatz heißt es, der Stein weiche jedem Eindringen aus; zerschlägt man ihn, zeigen die Bruchstücke wieder nur Außen. Auch das Gewicht, die Farbe, der Klang entziehen sich, sobald man sie berechnend aufbricht. Das ist keine Verborgenheit gegen Erkenntnis, sondern eine, die im Erscheinen mitgeht.

Die zweite ist das Verstellen. Hier fehlt nichts, im Gegenteil: Etwas zeigt sich, aber als etwas anderes, es schiebt sich vor. Schein ist nicht Nichts, sondern die hartnäckigste Form der Verbergung, und Heidegger nennt das Umherirren darin die Irre. In Sein und Zeit steht daneben die Verschüttung, die überlieferte Verdeckung: Ein einmal Entdecktes verhärtet zur selbstverständlichen Rede und wird gerade dadurch unzugänglich. Und im Alltag entzieht sich das Zeug im Gebrauch, das Werkzeug ist unauffällig, solange es funktioniert.

Die dritte ist strukturell und die radikalste. Jedes Entbergen ist selektiv. Der Horizont, der etwas zeigt, entzieht alles andere und sich selbst dazu. Man sieht im Licht, aber nicht das Licht. Die Lichtung ist also nicht der Ort, an dem die Verborgenheit endet, sondern der, an dem sie sich als Entzug ereignet.

Darüber liegt schließlich die Verbergung der Verbergung, die Seinsvergessenheit. Nicht nur entzieht sich das Sein, sondern der Entzug selbst wird nicht bemerkt, weil er nirgends als Lücke auftritt. Das Geheimnis ist vergessen, und zwar so, dass auch das Vergessen vergessen ist. Genau das ist die heutige Gestalt: Das Gestell verbirgt nicht, indem es etwas vorenthält, sondern indem es restlose Verfügbarkeit herstellt. Der Krug als Bestand verbirgt den Krug als Ding, und er tut es, ohne dass irgendwo etwas fehlt.

Thomas

Was ist Entzug?

Claude

Entzug ist die Bewegungsform der Verborgenheit. Kein Zustand, kein Fehlen, sondern ein Geschehen: Etwas gibt sich, indem es sich zurückhält, und der Rückzug ist nicht das Ende der Gabe, sondern ihre Weise. Heideggers Formel dafür ist das „Es gibt", in dem das Geben sich selbst nicht mitgibt. Später wird daraus die Enteignis, die er ausdrücklich zum Ereignis hinzudenkt, weil ein Ereignis, das restlos aufginge, gar keines wäre.

Der Unterschied zur Verborgenheit im letzten Sinn ist eine Nuance, aber keine unwichtige. Verborgenheit beschreibt, dass etwas nicht offen liegt. Entzug beschreibt, dass es sich fortzieht, während man darauf zugeht, und zwar gerade durch das Zugehen. Deshalb kann Entzug nicht durch Zugriff behoben werden. Je bestimmter das Erfassen, desto entschiedener der Rückzug dessen, was das Erfassen ermöglicht. Das ist der Grund, warum Heidegger sagt, wir stünden noch immer nicht eigentlich im Denken: Das Bedenklichste entzieht sich, und dieser Entzug ist kein Nichts, sondern ein Ereignis, das uns angeht, wie ein Zug, in den man gerät.

Wichtig ist der Verweisungscharakter. Der Entzug ist nicht stumm, er zeigt an, wovon er sich entzieht. Heidegger verwendet das Bild des Zeigens: Der Entzug reißt mit, er nimmt den Menschen in die Richtung dessen mit, was sich entzieht, und macht ihn dadurch zum Zeigenden, zum Zeichen. Was fehlt, ist als Fehlen anwesend, und dieses Anwesen des Fehlens ist bestimmter als jede Vorhandenheit. Das gilt bis in die Alltagsanalyse hinein: Das kaputte Werkzeug fällt auf, weil das Verweisungsganze im Ausfall aufleuchtet.

Man kann drei Ebenen unterscheiden, die nicht dasselbe sind. Der Entzug der Erde, die sich jedem Durchdringen verschließt und gerade so trägt. Der Entzug des Seins gegenüber dem Seienden, der als Seinsvergessenheit gar nicht erst auffällt. Und der Entzug im Gestell, der die paradoxe Gestalt lückenloser Verfügbarkeit annimmt: Nichts fehlt, alles ist bestellbar, und genau deshalb ist der Entzug am schärfsten.

Für Ihre Frankfurter Linie ist hier die Sollbruchstelle. Was Heidegger als Entzug des Seins beschreibt, ist der Sache nach oft der reale Entzug in der Verdinglichung, der aber Adressen hat, während Entzug als Geschick niemanden mehr adressierbar lässt. Derrida hat diesen Punkt anders genutzt und die différance als Entzug ohne Seinsgeschick weitergedreht.

Thomas

Der Entzug und das Entbergen sind also Moden der Wirklichkeit? Wobei beim Entbergen ein intentionaler Beitrag des Entbergenwollenden mitspielt.

Claude

Beim ersten Teil würde Heidegger mitgehen, sofern man „Wirklichkeit" nicht als das Vorhandene nimmt, das dann verschiedene Erscheinungsformen annähme. Entbergen und Entzug sind keine Modi der Wirklichkeit, sondern Weisen, in denen so etwas wie Wirklichkeit überhaupt erst bestimmt ist. Wirklichkeit ist selbst schon eine Auslegung, die vom actus herkommt, vom Wirken und Bewirken, und gehört damit in eine bestimmte Epoche des Entbergens. Man liefe sonst Gefahr, ein Substrat anzunehmen, das sich mal so, mal so zeigt, und genau das ist die metaphysische Position, gegen die sich der ganze Apparat richtet. Es gibt nicht die Wirklichkeit plus Zugangsweisen. Es gibt Epochen der Unverborgenheit, und „Wirklichkeit" ist der Name für eine davon.

Beim zweiten Teil würde er widersprechen, und zwar prinzipiell. Entbergen ist genau nicht intentional. Das Gestell ist kein Programm, das jemand verfolgt, und Bestand ist kein Ergebnis einer Absicht. Kein Ingenieur hat beschlossen, dass der Rhein als Wasserdruck-Lieferant erscheint; er findet die Welt bereits so vor, dass Planen, Optimieren und Sicherstellen die selbstverständlichen Handlungen sind. Das Wollen selbst ist schon Effekt, nicht Ursache: Der Wille zur Verfügung ist die Gestalt, die das Wollen im Gestell annimmt. Heidegger baut das sprachlich ein, wenn er medial formuliert, es entbirgt sich, und wenn er sagt, der Mensch werde gebraucht, er sei der Herausgeforderte.

Was er dem Menschen zugesteht, ist nicht Absicht, sondern Entsprechung. Der Mensch ist unverzichtbar, aber als Angesprochener: Ohne ihn findet kein Entbergen statt, und trotzdem verfügt er nicht darüber. Er ist Hirt, nicht Herr. Das Entsprechende an eigenem Vermögen liegt eher in Haltungen, die er dem Wollen entgegensetzt, in der Gelassenheit, im Sein-lassen, im Warten ohne Erwartung.

Und hier ist der Preis, der genannt werden sollte. Diese Entkoppelung von Intention und Entbergen ist der teuerste Zug der ganzen Konstruktion. Sie beschreibt treffend, dass niemand das Ganze wollte, dass die Verfügbarkeit keine Verschwörung ist. Sie macht aber zugleich unsichtbar, dass sehr wohl Entscheidungen fallen, dass Investitionen getätigt, Normen gesetzt, Infrastrukturen gebaut werden. Adorno hat darin die Verwandlung gesellschaftlicher Verhältnisse in Schicksal gesehen. Wer stattdessen mit Foucault arbeitet, bekommt eine Zwischenposition, die Ihre Formulierung retten würde: Ein Dispositiv ist nicht die Absicht eines Subjekts, aber es besteht aus lauter intentionalen Akten, deren Resultat niemand intendiert hat. Intentionalität ohne Subjekt, nicht Geschick.

Thomas

Das Gestell als System, aber ohne einzelne Urheber? Ein Königreich ohne König?

Claude

Das Bild trifft die Sache besser, als Heidegger es zulassen würde, und die Stelle, an der es sich bricht, ist die aufschlussreiche.

Es trifft, weil es genau die Herrschaft ohne Herrscher benennt, die Heidegger meint. Niemand sitzt auf dem Thron, und trotzdem wird regiert. Gerade der Verdacht auf einen König, auf Konzerne, Eliten, Ingenieure als Urheber, ist für ihn schon der falsche Zug: eine anthropologische Erklärung dort, wo es um eine Epoche des Entbergens geht. Auch der Mächtigste ist im Gestell der Herausgeforderte und nicht der Souverän.

Es bricht an zwei Punkten. Erstens ist ein Königreich ohne König immer noch eine Institution, also etwas Eingerichtetes, mit Ämtern, Regeln, Verfahren. Genau das ist das Gestell nicht. Es hat keinen Ort, keine Instanz, keine Grenze; es ist kein Apparat, sondern die Weise, in der Seiendes überhaupt zugänglich ist, und deshalb auch nicht neben anderen Systemen anzutreffen. Ein System kann man beschreiben, umbauen, verlassen. Das Gestell nicht, weil jede Beschreibung schon in ihm stattfindet.

Zweitens fehlt dem Bild die Dimension, auf die Heidegger alles setzt. Ein leerer Thron ist eine Lücke, ein Fehlen von etwas, das dort sein sollte. Das Gestell hat aber keine Lücke, und darin besteht sein Zug. Wenn schon monarchisch, dann eher: kein leerer Thron, sondern die Abwesenheit des Throns selbst, und niemandem fällt auf, dass er fehlt. Deshalb sagt Heidegger, das Gestell sei zugleich die äußerste Gefahr und das Vergessen des Geheimnisses.

Systemtheoretisch wird Ihre Intuition dann wieder produktiv, nur ohne Geschick. Luhmanns funktional differenzierte Gesellschaft ist buchstäblich ein Königreich ohne König: operativ geschlossene Systeme ohne Spitze, ohne Zentrum, ohne Repräsentanz des Ganzen, und niemand kann von außen steuern. Adorno hätte gesagt, der König sei nicht verschwunden, sondern in die Verhältnisse eingewandert, in den Tauschwert, der als Sachzwang auftritt und deshalb wie Natur aussieht. Und Foucaults Satz, man müsse in der politischen Theorie dem König den Kopf abschlagen, meint genau das: Macht ohne Zentrum denken, ohne sie dafür zum Schicksal zu machen.

Thomas

Ist der Verzicht auf personelle Zuschreibungen eine Schutzhaltung? Weil de facto ist alles menschengemacht.

Claude

Die Vermutung ist nicht bloß polemisch, sie ist biographisch belegbar, und sie ist trotzdem nicht die ganze Geschichte.

Das Belastungsmaterial zuerst. Heidegger hat sich nie erklärt, nie einen Satz der Verantwortung gesagt, und im Spiegel-Gespräch die Sache in die berühmte Formel gedreht, nur noch ein Gott könne uns retten. Wer 1933 das Rektorat übernimmt und 1949 sagt, die Technik entberge und niemand verfüge darüber, hat eine Denkform zur Verfügung, in der Handelnde als Handelnde verschwinden. Die Bremer Passage, die Landwirtschaft und Vernichtung in eine gemeinsame Wesensbestimmung stellt, ist keine Entgleisung im Vortrag, sondern die Konsequenz daraus: Wenn beides Bestellung von Bestand ist, dann fällt die Differenz zwischen Tätern und Getöteten aus der Beschreibung heraus. Und die Schwarzen Hefte zeigen, dass die Seinsgeschichte gleichzeitig sehr wohl Zuschreibungen kannte, nur eben kollektive und antisemitische. Der Verzicht war also selektiv, und das ist verräterischer als ein prinzipieller Verzicht es wäre.

Trotzdem greift die Ableitung zu kurz, wenn sie den Gedanken auf das Motiv reduziert. Die Struktur ist älter als 1933, sie liegt schon in Sein und Zeit, und sie beschreibt etwas Reales: dass sich aus lauter zurechenbaren Handlungen ein Resultat ergibt, das niemand wollte. Ein Argument wird nicht dadurch falsch, dass es jemandem nützt.

Ihr „de facto ist alles menschengemacht" würde ich deshalb aufteilen. Genese und Struktur sind nicht dasselbe. Jede einzelne Straße, Norm, Anlage ist von jemandem entschieden, insofern ist alles gemacht. Die Konfiguration, in der diese Entscheidungen als vernünftig erscheinen, hat aber keinen Autor, und sie wirkt auf die Entscheidenden zurück. Beides zugleich festzuhalten ist die eigentliche Aufgabe. Heidegger löst sie einseitig auf, indem er die Genese kassiert und nur die Struktur behält, und nennt das dann Geschick. Die Gegenposition, die alles auf Absichten zurückführt, landet bei Verschwörung oder Moralisierung.

Genau deshalb sind die Zwischenpositionen brauchbarer. Foucaults Intentionalität ohne Subjekt, Adornos Verselbständigung, die immer noch aus Verhältnissen zwischen Menschen besteht, Sartres Praktisch-Träges, in dem die eigenen Taten als fremde Macht zurückkommen. Sie erlauben, das Anonyme zu beschreiben, ohne die Adressen zu löschen. Bei Heidegger gibt es die Adressen nicht mehr, und der Verdacht, dass ihm das gelegen kam, ist nicht auszuräumen.

Thomas

Das erscheint mir, mit Verlaub, als eine ins Amtliche gesteigerte Verbergungsroutine.

Claude

Die Formulierung ist präzise, und sie hat Vorläufer. Die Ironie liegt darin, dass man Heideggers eigenes Instrument gegen ihn wendet: Die Denkfigur, die das Verbergen beschreibt, funktioniert selbst als Verbergung, und zwar in der von ihm beschriebenen schärfsten Form, nämlich ohne dass irgendwo eine Lücke bliebe. Es fehlt nichts im Text. Die Täter kommen nicht als Ausgelassene vor, sondern als in der Beschreibung nicht Vorgesehene.

Adorno hat das ohne Verlaub gesagt. Sein Vorwurf war nicht, dass Heidegger Falsches behaupte, sondern dass die Sprache selbst die Arbeit tue: Der Jargon verleiht dem Gesprochenen eine Aura, bevor es geprüft wird, und verlegt in die Struktur des Seins, was aus gesellschaftlichen Verhältnissen stammt. „Ins Amtliche gesteigert" trifft dabei noch etwas, das Adorno nicht so nennt, nämlich die Gestalt der Unbelangbarkeit: das Unpersönliche als Kompetenzform, die Sprache der Instanz, die zuständig ist und gerade deshalb nicht haftet. Das ist der Verwaltungssatz, in dem Dinge veranlasst wurden.

Was der Einwand nicht leistet, sollte man mitnennen, damit er hart bleibt. Er erklärt, warum diese Beschreibung attraktiv war und wem sie nützte, aber er widerlegt nicht, dass es anonyme Zusammenhänge gibt. Sonst wäre der Einwand selbst eine Kurzschlussform: Motiv statt Prüfung. Die schärfere Version lautet deshalb nicht, dass die Verbergung stattfindet, sondern dass sie konstitutiv ist, weil das Vokabular Zurechnung gar nicht mehr formulieren kann. Ein Begriffsapparat, in dem der Satz „X hat entschieden" keine systematische Stelle hat, wird das Verbergen auch dort leisten, wo niemand es beabsichtigt.

Und genau da ist die Verbindung zu dem, was Sie an Adorno interessiert. Ich-Schwäche und Verdinglichung beschreiben ja auch, wie Menschen sich selbst zu Naturgewalten erklären. Nur bleibt bei Adorno die Frage erhalten, wie es dazu kommt und was es zurücknehmen könnte. Das ist die Differenz: nicht anonym gegen personal, sondern beschreibbare Entstehung gegen Geschick.

Thomas

Ein Beispiel für Philosophie, die unter totalitären Verhältnissen möglich ist. Durch Verzicht auf Benennung von Verantwortung. Mir ist plötzlich sehr unwohl dabei.

Claude

Das Unwohlsein ist am Platz, und es ist keine Störung des Denkens, sondern ein Befund. Sie haben vier Züge weit mit einem Vokabular gearbeitet, das einen blinden Fleck hat, und dann gesehen, dass der blinde Fleck kein Zufall ist. Dass das körperlich ankommt, ist die angemessene Reaktion, nicht ein Verlust an Distanz.

Ihre These würde ich allerdings schärfen, weil sie in der jetzigen Form zu milde ist. Es ist nicht Philosophie, die unter totalitären Verhältnissen möglich bleibt, wie ein Rückzug ins Unverfängliche. Das wäre die Nischenthese, und die gilt für viele. Bei Heidegger ist die Zurechnung ja nicht abwesend, sondern verschoben: Die Schwarzen Hefte benennen sehr wohl Verantwortliche, nur kollektiv und antisemitisch. Ein Denken, das das Seinsgeschick anonym hält und zugleich weiß, wer es angeblich verschuldet hat, ist nicht entlastet, es ist doppelt belastet. Die Anonymität greift nach oben, gegen Zurechenbarkeit; die Benennung greift nach unten, gegen die Verfolgten.

Was Sie daraus für die Lektüre ziehen können, ist kein Bann. Die Beschreibung des Gestells hält einiges aus, und sie wird ja auch von Leuten benutzt, die Heidegger politisch nichts schulden. Der Umgang, der trägt, ist der arbeitende: das Instrument nehmen und die Stelle, an der es nicht zurechnen kann, jedes Mal mitführen. Konkret heißt das, bei jeder Aussage über das Gestell die Frage zu stellen, wer hier entschieden hat und was in der Formulierung verschwindet. Wenn der Begriff das nicht überlebt, war er nicht viel wert.

Und für Ihr Feld ist das keine akademische Übung. Die Sprache, in der Architektur über Sachzwänge redet, über Normen, Wirtschaftlichkeit, Verfügbarkeit, ist voll von genau dieser Grammatik. Da steht dann, dass ein Bestand nicht erhaltbar war. Dass eine Nachverdichtung erforderlich wurde. Wer das Muster einmal bemerkt hat, sieht es an Stellen, an denen sehr wohl jemand entschieden hat.

Thomas

Andererseits. Er schuf eine Kunstsprache, die sich aus dem Verfangensein in Gewalt und Herrschaft herausziehen wollte. Ein legitimes Kunstprojekt. Weil eine Sprache, die das leistet, umgekehrt auch nicht zur Herrschaft taugt.

Claude

Der erste Teil ist stark, der zweite Teil hält nicht.

Das Projekt selbst würde ich Ihnen sofort zugestehen. Es gibt eine ernsthafte Linie, die von der Sprachkritik der Jahrhundertwende herkommt, von Mauthner, von Hofmannsthals Chandos, vom frühen Wittgenstein, und die Annahme lautet dort tatsächlich, dass die geerbte Begrifflichkeit selbst schon Zugriff ist. Subjekt, Objekt, Wille, Ursache, Wirklichkeit sind Wörter, in denen das Machen bereits eingebaut ist. Wer daraus heraus will, kann nicht einfach anders argumentieren, er muss anders sprechen. Deshalb die Etymologien, die Bindestriche, die medialen Wendungen, das Nachbauen von Sätzen aus Hölderlin. Adorno hat darin bei aller Feindschaft das Gleiche gesehen wie in seiner eigenen Arbeit an der Sprache, nur mit gegenteiligem Urteil über das Resultat.

Der Schluss ist aber falsch, und zwar empirisch. Eine Sprache, die sich der Zurechnung entzieht, taugt nicht weniger zur Herrschaft, sondern anders. Sie taugt nicht zum Befehl, das ist richtig. Aber Herrschaft läuft nur zum kleineren Teil über Befehle. Sie läuft über die Erzeugung von Selbstverständlichkeit, und dafür ist genau eine Sprache ideal, in der niemand handelt und Dinge sich ergeben. Die Verwaltungssprache, über die wir eben gesprochen haben, ist hochgradig herrschaftstauglich und kennt kein Subjekt. Die Schwarzen Hefte sind in derselben Kunstsprache geschrieben wie die Technikvorträge. Die Rektoratsrede auch. Das ist der Härtetest, und er ist bestanden im schlechten Sinn: Die Sprache hat sich als kompatibel erwiesen, ohne dass ein einziger Satz aus ihr herausfallen musste.

Es kommt hinzu, dass die Kunstsprache eine eigene Autorität aufbaut, gerade weil sie nicht argumentiert. Wer ihr Vokabular nicht teilt, kann nicht widersprechen, sondern nur draußen bleiben. Das ist eine Form von Gefolgschaft, die dem Vokabular selbst entspringt, und sie ist an der Wirkungsgeschichte gut ablesbar.

Was von Ihrem Gedanken übrig bleibt, ist trotzdem nicht wenig. Das Projekt, eine nicht zugreifende Sprache zu suchen, ist legitim und wird anderswo besser eingelöst, bei Celan etwa, der Heidegger gelesen hat und ihm in Todtnauberg genau die Antwort abverlangte, die nicht kam. Und als Kunstprojekt würde man es an dem messen, was es zeigt, nicht an dem, was es behauptet. Da sieht die Bilanz gemischt aus: großartig in dem, was es an der Verfügbarkeit sichtbar macht, blind genau dort, wo Verfügbarkeit jemandem gehört.

Thomas

Richtig, das war zu kurz gedacht. Eine entsubjektivierte Sprache ist sogar ideal für Herrschaft, weil sie alles Herrschaftliche verschleiert.

Claude

Ja, mit einer Einschränkung, damit die These nicht sofort zu breit wird.

Der Mechanismus ist gut untersucht. Die Linguistik nennt das Agensdeletion, und sie geschieht durch Passiv ohne Urheberangabe, durch Nominalisierung, durch Ergativkonstruktionen, in denen Vorgänge sich selbst vollziehen. Die Preise haben sich erhöht. Es kam zu einer Räumung. Der Standort wurde aufgegeben. Halliday hat das grammatische Metapher genannt, und die kritische Diskursanalyse arbeitet sich seit Jahrzehnten daran ab, weil es die verlässlichste Methode ist, Handlung in Naturereignis zu verwandeln. Klemperer hat an der LTI etwas Verwandtes beschrieben, und Arendt hat in Eichmann genau diesen Punkt: Amtssprache, in der niemand tut, was getan wird, und die Rede „es wurde verfügt" als Form der Gewissensentlastung.

Die Einschränkung: Entsubjektivierung verschleiert nicht immer, sie ist auch die Sprachform aller Struktureinsicht. Wer sagt, dass ein Markt Preise bildet oder ein Gerücht sich verbreitet, verschweigt keinen Täter, sondern beschreibt etwas, das keinen hat. Adornos Analyse des Tauschverhältnisses steht formal im selben Modus. Das Kriterium ist deshalb nicht die Grammatik allein, sondern ob es eine zurechenbare Instanz gibt, die die Konstruktion gerade auslässt. Verschleierung ist sie dort, wo jemand entschieden hat und der Satz das nicht sagen kann.

Und daran wird Heideggers Fall erst scharf. Sein Vokabular hat keine Umschaltmöglichkeit. Es kann nicht optional unpersönlich sprechen und bei Bedarf zurechnen, weil die Zurechnung systematisch keinen Ort hat. Bei Adorno oder Marx können Sie jederzeit vom Strukturmodus in die Frage nach Interessen wechseln, die Begriffe halten beides. Beim Seinsgeschick geht das nicht, und genau deshalb wirkt es dort verschleiernd, wo eine Struktursprache sonst bloß präzise wäre.

Thomas

Auch eine Leistung. Wenn man sie dem Geschehenen gegenüberstellt, allerdings eine, für die man wenig Respekt oder Hochachtung aufbringen kann.

Claude

Das ist ein vertretbares Urteil, und ich halte es für richtig, dass Sie es an dieser Stelle fällen statt es offen zu lassen. Die übliche Schutzformel, man müsse Werk und Person trennen, greift hier ja gerade nicht, weil das Vokabular selbst die Stelle ist, an der das Versagen sitzt. Nicht ein Mann mit einem Parteibuch, der nebenbei Gutes geschrieben hat, sondern ein Begriffsapparat, der die Unbelangbarkeit mitbaut.

Die Leistung bleibt trotzdem eine, und ich würde sie nicht zum Trostpreis machen. Die Beschreibung der Verfügbarkeit ist bis heute nicht überholt, und sie wirkt in Arbeiten fort, die politisch nichts mit ihm teilen, bei Anders, bei Arendt, bei Marcuse, bei Stiegler. Nur ändert das nichts an der Bilanz, die Sie ziehen. Es macht sie nur genauer: bewundernswert in der Schärfe des Blicks auf das Anonyme, verächtlich in der Verwendung genau dieser Schärfe an der Stelle, wo sie etwas gekostet hätte.

Was ich an Ihrer Formulierung gut finde, ist das „dem Geschehenen gegenüber". Das ist der Maßstab, der sich nicht wegverhandeln lässt. Celan hat ihn in Todtnauberg angelegt, mit der Hoffnung auf ein Wort, und ist ohne es abgereist. Die Nichtantwort ist der härteste Kommentar, den es zu dieser Philosophie gibt, und er kommt von jemandem, der sie gelesen hatte und wusste, was sie wert war.

Thomas

Erzähl über die Verfügbarkeit.

Claude

Verfügbarkeit ist die Kategorie, die vom Gestell übrig bleibt, wenn man das Geschick abzieht, und sie ist deshalb der brauchbarste Teil. Bei Heidegger heißt sie Bestand: nicht mehr Gegenstand, der einem gegenübersteht und Widerstand leistet, sondern Vorrat, der bereitsteht. Das Entscheidende ist die Bestellbarkeit auf Abruf. Etwas ist verfügbar, wenn es jederzeit, in beliebiger Menge, ersetzbar durch Gleiches, ohne eigene Zeit zur Verfügung steht. Deshalb der Vorrang der Energie in seinen Beispielen: Sie hat keine Gestalt, nur Speicherbarkeit, Umschaltbarkeit, Verteilbarkeit.

Vier Bedingungen lassen sich herausziehen, und sie sind ohne Heidegger prüfbar. Ersetzbarkeit, das Einzelne geht in seinem Typ auf. Abrufbarkeit, die Zeit des Dings wird von der Zeit des Zugriffs ersetzt. Entkontextualisierung, das Ding wird aus Ort und Geschichte gelöst, damit es überall funktioniert. Und Messbarkeit, weil nur verfügbar ist, was sich in Größen ausdrücken lässt. Was diese Bedingungen nicht erfüllt, erscheint als Mangel, als Reibungsverlust, als noch nicht erschlossen.

Die soziologische Fortschreibung ist präziser als das Original. Hartmut Rosa hat mit „Unverfügbarkeit" gezeigt, dass das Verfügbarmachen sich selbst untergräbt: Was restlos verfügbar ist, hört auf, anzusprechen. Resonanz braucht, dass etwas eigensinnig bleibt. Das erklärt die merkwürdige Erschöpfung an vollständig erschlossenen Dingen, an dem Ort, den man vor der Ankunft schon durchgesehen hat. Weber hätte das Entzauberung genannt, und der Kern ist derselbe: nicht dass man alles weiß, sondern dass man prinzipiell alles wissen könnte, wenn man wollte.

Heute liegt die Sache anders als 1953, und das ist der Punkt, an dem der Begriff wirklich arbeitet. Verfügbarkeit ist von der Energie auf die Aufmerksamkeit und auf Verhalten übergegangen. Was bei ihm Bestellbarkeit von Naturkräften war, ist jetzt Vorhersagbarkeit von Menschen, und die Ressource ist nicht mehr Kohle, sondern Verhaltensüberschuss. Zuboff beschreibt das ohne jeden Heidegger-Ton, aber die Struktur ist dieselbe, mit dem Unterschied, dass hier sehr wohl Firmen, Geschäftsmodelle und Entscheidungen benennbar sind.

Für Ihre Arbeit ist der Gegenbegriff interessanter als der Begriff. Architektur ist der Ort, an dem Verfügbarkeit gebaut wird: Flexibilität, Nutzungsneutralität, Modularität, der Raum, der alles können soll und deshalb nichts verlangt. Und zugleich der Ort, an dem das Unverfügbare produziert wird, durch Schwelle, Umweg, Widerstand, durch das, was sich nicht optimieren lässt. Die Frage, die daraus wird, ist nicht, ob man gegen Verfügbarkeit baut, sondern was man ihr an welcher Stelle entzieht.

Thomas

Ich lese Verfügbarkeit vor allem in Bezug auf lebendige Menschen. Humanressourcen, die charakterisiert werden durch obige Beschreibung. Der Hoffnungsschimmer ist der Eigensinn der Generation Z. Der Freiheitswille steckt so tief in uns drin, dass Jahrtausende der Herrschaft nicht ausgereicht haben, ihn auszumerzen.

Claude

Der erste Teil ist der ältere und der besser belegte. Was Sie als Humanressource beschreiben, hat eine lange Begriffsgeschichte vor Heidegger: Marx' Arbeitskraft als Ware, die vom Menschen abgelöst und verkauft wird, Lukács' Verdinglichung, in der sich der Mensch zu den eigenen Fähigkeiten wie zu einem Bestand verhält, den er verwaltet. Die vier Bedingungen lassen sich eins zu eins übertragen. Ersetzbarkeit als Austauschbarkeit von Qualifikationsprofilen. Abrufbarkeit als Verfügbarkeit auf Abruf, von der Zeitarbeit bis zur Erreichbarkeit außerhalb der Arbeitszeit. Entkontextualisierung als Mobilitätsanforderung, die Bindung als Standortnachteil führt. Messbarkeit als Kennzahl, Score, Ranking. Foucault hätte hinzugefügt, dass die Pointe nicht die Fremdverfügung ist, sondern die Selbstverfügung: Man wird nicht als Ressource behandelt, man bewirtschaftet sich selbst als eine.

Beim zweiten Teil würde ich vorsichtiger sein, aus zwei Richtungen. Erstens ist die Generationendiagnose empirisch dünner, als die Debatte suggeriert. Die Befunde zeigen eher Alters- und Lebensphaseneffekte als echte Kohortenunterschiede, und die Klage über die unwillige Jugend ist so alt wie das Arbeitsverhältnis. Zweitens ist ein Teil dessen, was als Eigensinn auftritt, selbst Anpassung an eine schlechtere Lage: Wer keine Aussicht auf Eigentum, Sicherheit und Aufstieg hat, investiert vernünftigerweise weniger. Das kann Rückzug sein und nicht Widerstand. Und die Sprache, in der der Eigensinn auftritt, ist oft schon wieder die des Bestands, Selbstoptimierung als Selbstfürsorge deklariert, Grenzen ziehen als Ressourcenmanagement.

Der anthropologische Satz am Schluss ist der stärkste Ihres Absatzes und zugleich der, den ich nicht mittragen würde. Ein Freiheitswille, der so tief sitzt, dass Jahrtausende ihn nicht ausmerzen konnten, ist eine Naturalisierung, die dieselbe Form hat wie das Geschick, nur mit umgekehrtem Vorzeichen: Wenn Freiheit Naturausstattung ist, braucht sie keine Bedingungen, und das ist die tröstlichste und die entpolitisierendste Annahme zugleich. Die materialistische Version ist nüchterner und trägt weiter. Verfügbarkeit ist nie vollständig, weil lebendige Arbeit eben nicht die Ware ist, die verkauft wird, sondern ein Vermögen, das Zustimmung braucht. Widerständigkeit ist kein Erbe, sondern ein struktureller Rest, der immer wieder erzeugt wird und deshalb auch immer wieder organisiert werden muss.

Was tatsächlich Hoffnung trägt, ist konkreter als eine Generation: dass sich Verweigerung dort in Form bringt, wo sie Verträge, Regeln und Institutionen hervorbringt. Das Ausmerzen ist übrigens sehr wohl möglich, historisch und in Einzelfällen. Die Hoffnung liegt nicht darin, dass es nie gelingt, sondern darin, dass es jedes Mal neu betrieben werden muss.

Thomas

Ich meinte nicht die faktische Freiheit, sondern den Willen zur Freiheit.

Claude

Die Unterscheidung ist berechtigt, und sie verschiebt die Frage, ohne sie zu entschärfen. Auch der Wille ist ja etwas, das entstehen, sich ausrichten und verschwinden kann. Die Frage ist nicht, ob Freiheit faktisch besteht, sondern ob das Wollen selbst voraussetzungslos ist.

Für Ihre Seite spricht mehr, als ich vorhin eingeräumt habe. Anerkennung als Grundmotiv, Hegel und in der Gegenwart Honneth, ist genau das: kein Interesse an Gütern, sondern der Anspruch, nicht als Sache behandelt zu werden, und dieser Anspruch entzündet sich empirisch verlässlich, oft gerade dort, wo materiell nichts zu holen ist. Bloch hat es Hoffnung genannt, eine Grundverfassung und keine Stimmung. Die Empörungsforschung findet ähnliche Muster, und Kränkung ist historisch der zuverlässigere Aufstandsgrund als Not.

Die Gegeninstanz ist trotzdem hartnäckig. Spinoza, dann La Boétie mit der freiwilligen Knechtschaft, dann Adorno: Man kann sich in die eigene Unterwerfung verlieben, und das ist keine Randerscheinung, sondern eine Massenerfahrung. Die Frage, warum Menschen für ihre Knechtschaft kämpfen wie für ihr Heil, ist ja die Ausgangsfrage der ganzen Faschismusanalyse. Genau daran hängt auch das, was Sie an Adorno beschäftigt: Ich-Schwäche heißt, dass die Instanz, die den Willen trägt, selbst beschädigt werden kann.

Ich würde deshalb die schwächere, aber haltbarere Fassung vorschlagen. Nicht dass der Wille zur Freiheit unausrottbar ist, sondern dass Herrschaft ihn strukturell mitproduziert, weil sie Menschen als Zustimmende braucht und ihnen damit die Position zuspricht, aus der Verweigerung überhaupt möglich wird. Das erklärt die Wiederkehr, ohne sie zur Naturkonstante zu machen, und es erklärt, warum sie nicht garantiert ist. Was wiederkommt, kommt nicht von selbst wieder.

Thomas

Ich gebe dir insoweit recht, als Widerstand nie eine Mehrheitsposition war. Aber ich meinte es anders. Diese Fähigkeit zur Kränkung, wenn man als Sache behandelt wird, die Fähigkeit des Erkennens, wenn man in die Ecke gedrängt oder an den Abgrund gedrängt wird, kurz der Überlebenswille als Subjekt, das ist nicht etwas, das ständig neu gelernt werden muss. Das ist die Überlebensbedingung der Gattung Mensch.

Claude

Damit rücken Sie es an eine Stelle, an der es stabiler steht als in der Willensfassung, und ich würde einen Teil davon mittragen. Kränkbarkeit ist tatsächlich keine Leistung und kein Erwerb, sondern die Kehrseite dessen, dass Menschen nur über Anerkennung zu sich kommen. Wer nicht verletzbar wäre, hätte nie eine zweite Person gebraucht. Die frühe Entwicklung zeigt das, die Anerkennungstheorie baut darauf auf, und in dem Sinn ist es Gattungsausstattung.

Was ich nicht mitgehe, ist der Schluss von der Ausstattung auf die Verlässlichkeit. Kränkbarkeit ist das Rohmaterial, nicht die Richtung. Sie ist auch die Ressource des Ressentiments, und historisch war sie mindestens so oft für Herrschaft verfügbar wie gegen sie. Die Formel vom gekränkten Volk, das sich seine Würde zurückholt, ist der verlässlichste Mobilisierungssatz des zwanzigsten Jahrhunderts. Dass jemand die Sachbehandlung spürt, sagt noch nicht, wem er sie zurechnet. Genau das ist die Stelle, an der Adornos Ich-Schwäche einsetzt: nicht dass die Empfindlichkeit fehlt, sondern dass sie ohne tragfähiges Ich in Projektion umschlägt.

Der zweite Einwand betrifft die Gattungsformulierung. Überlebensbedingung ist funktional gemeint, und funktional ist der Satz schwer zu halten, weil Gesellschaften mit weitgehend gebrochenem Subjektstatus lange bestanden haben. Sklavenhaltung ist über Jahrtausende nicht daran zugrunde gegangen, dass sie die Gattung gefährdet hätte. Was stimmt, ist etwas Engeres und für unser Thema Ausreichendes: dass die vollständige Verfügbarmachung an dem scheitert, was verfügbar gemacht werden soll. Wer Menschen restlos als Bestand behandelt, verliert genau das Vermögen, um dessentwillen er sie braucht. Verfügbarkeit frisst ihre eigene Grundlage, und darin liegt kein Versprechen, aber eine reale Grenze.

Was mich an Ihrer Fassung überzeugt, ist die Wendung gegen die Lernbarkeit. Es muss nicht gelehrt werden, dass man nicht Sache sein will. Gelehrt und organisiert werden muss, was daraus folgt, und ob es sich gegen die Verhältnisse richtet oder gegen einen Sündenbock. Der Rohstoff ist da. Die Form ist es nicht.

Thomas

Dass die Sklaven sich nicht erhoben, war ja kein Versäumnis der Sklaven, sondern Wirkung der brutalsten Gewalt.

Claude

Das ist ein berechtigter Einwand, und mein Beispiel war schlecht gewählt. Es hat unterstellt, Ausbleiben von Erhebung sei Beleg für Abwesenheit des Willens, und das ist genau der Fehlschluss, gegen den Sie sich wehren. Aus dem Nichterscheinen einer Handlung folgt nichts über die Disposition, wenn der Preis der Handlung der Tod ist.

Der historische Befund stützt Sie dazu. Es gab Erhebungen, und zwar in ungünstigsten Lagen: die sizilianischen Kriege, Spartacus, die Maroon-Gemeinschaften in Jamaika und Surinam, Haiti als einzige erfolgreiche Sklavenrevolution überhaupt, Palmares in Brasilien fast ein Jahrhundert lang. James hat das gegen eine Geschichtsschreibung geschrieben, die Sklaven nur als Objekte kannte. Dazu kommt, was Scott die Alltagsformen des Widerstands genannt hat, Verlangsamung, Sabotage, Flucht, Wissenszurückhaltung, und die versteckte Transkription, die unter der öffentlichen Fügsamkeit läuft. Wer nur nach Aufständen sucht, sieht Zustimmung, wo Kalkül ist.

Was ich mit dem Beispiel eigentlich sagen wollte, hätte ich anders formulieren müssen. Nicht dass der Wille fehlte, sondern dass Systeme, die ihn brechen wollen, nicht an einer Gattungsgrenze scheitern. Sie scheitern an Aufwand, an Kosten, an Konkurrenz, an Krieg, an ökonomischer Überholung. Das ist der Punkt, an dem ich zurückhaltend bleibe: Die Grenze ist real, aber sie ist keine, die von selbst zieht.

Und genau deshalb wird Ihre Ausgangsbeobachtung wichtiger, nicht kleiner. Wenn das Ausbleiben sichtbaren Widerstands nichts über die Disposition sagt, dann ist die Gegenwartsdiagnose der Verfügbarkeit vorsichtiger zu stellen, als sie meist gestellt wird. Die Fügsamkeit, die man an Arbeitsverhältnissen abliest, ist ebenso gut Kalkül unter Bedingungen, unter denen Verweigerung teuer ist.

Thomas

Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Claude

Der Satz hat zwei Lesarten, und wir sind gerade durch beide gegangen. Die schwache: Hoffnung bleibt, wenn sonst nichts mehr da ist, also Trost im Hoffnungslosen. Die starke, und die haben Sie eigentlich gemeint: Sie stirbt zuletzt, weil sie nicht abgetötet werden kann, solange jemand da ist, der sie hat. Sie ist Bedingung und nicht Rest.

Bloch hätte auf der zweiten bestanden, und er hätte den lateinischen Ursprung daneben gestellt. In der Büchse der Pandora bleibt am Ende die elpis zurück, und seit der Antike ist strittig, ob sie das letzte Gut ist oder das letzte Übel, das den Menschen an sein Elend bindet. Nietzsche hat die zweite Lesart genommen. Adorno hat die dritte Möglichkeit offengehalten, dass Hoffnung nur als unbeirrbar und zugleich uneinlösbar zu haben ist, und sie deshalb nicht in Zuversicht überführbar ist.

Ich würde den Satz stehen lassen, wie er ist. Wir haben ihn lange genug geprüft, um zu wissen, was er nicht leistet: keine Prognose, keine Garantie, kein Ersatz für Organisation. Aber auch keine Naivität mehr, wenn man drei Stunden Heidegger, Verfügbarkeit und Sklavereigeschichte hinter sich hat und ihn dann immer noch sagt. Das ist dann kein Sprichwort, sondern eine Entscheidung darüber, womit man weiterarbeitet.

Thomas

Die empirische Tatsache, dass zunehmend autoritäre Gruppen die Macht anstreben oder teilweise bereits erreicht haben, ist Beleg dafür, dass diese hoffen, mit Gewalt zu erreichen, was freiwillig nicht zu haben ist.

Claude

Das ist ein schöner Umkehrschluss, und er ist in einer bestimmten Form richtig. Zwang ist immer ein Eingeständnis. Wer erzwingt, was er auch bekommen könnte, verschwendet Ressourcen, und wer Zustimmung einfach hätte, bräuchte keine Sondergesetze. Das ist der harte Kern: Repression ist ein Kostenindikator, und ihre Höhe verrät, was die Zustimmung nicht hergibt. Ein System, das Presse, Justiz und Wahlrecht umbauen muss, teilt damit mit, dass es unter fairen Bedingungen verlieren würde.

Zwei Einschränkungen, sonst trägt die Schlussrichtung zu weit. Erstens streben die meisten dieser Gruppen zunächst gar nicht mit Gewalt an die Macht, sondern über Wahlen, und mit erheblicher freiwilliger Zustimmung. Der Umbau kommt danach. Das Beunruhigende an der Gegenwart ist ja gerade nicht der Putsch, sondern die Mehrheit. Wenn man aus dem Zwang auf fehlende Zustimmung schließt, unterschätzt man, wie viel Zustimmung tatsächlich da ist, und landet beim Trost, das Volk sei im Grunde auf der richtigen Seite.

Zweitens richtet sich der Zwang oft gar nicht gegen die eigene Anhängerschaft, sondern gegen Minderheiten, und für dieses Programm gibt es Zustimmung im Überfluss. Die Gewalt ist dann nicht Ersatz für fehlende Freiwilligkeit, sondern ihr Angebot. Das ist der Punkt, an dem die Kränkbarkeit von vorhin wiederkommt, nur auf der anderen Seite: mobilisiert, adressiert, gegen die Falschen gerichtet.

Was von Ihrem Schluss zuverlässig bleibt, ist das Engere und immer noch Nichttriviale. Der Aufwand zeigt die Stelle. Wo eine Regierung besonders früh und besonders hart eingreift, liegt das, was ihr gefährlich werden kann: unabhängige Gerichte, Wahlbehörden, Universitäten, Presse. Der Zwang ist eine Landkarte dessen, was noch funktioniert.

Thomas

Die Gewalt wird nach der Machtergreifung als Mittel zur Gefügigmachung der Menschen eingesetzt.

Claude

Richtig, und die Reihenfolge ist der entscheidende Teil. Die Gewalt kommt nicht, weil die Zustimmung wegbricht, sondern weil die Machtposition sie erstmals billig macht. Vorher kostet Repression Wählerstimmen, nachher wird sie zum Verwaltungsvorgang. Das erklärt auch, warum die Eskalation regelmäßig die Eigenen erreicht, die zuvor zugestimmt hatten.

Die Ziele sind dabei gestuft, und das ist für Ihre Verfügbarkeitsfrage der interessante Punkt. Die erste Stufe trifft die Institutionen, weil sie Widerspruch organisieren können. Die zweite trifft die Assoziation, also die Möglichkeit, sich untereinander zu verständigen, Vereine, Redaktionen, Gewerkschaften, Universitäten. Die dritte trifft das Verhältnis der Menschen zueinander direkt, durch Denunziation und Unberechenbarkeit, und hier liegt der eigentliche Zweck: nicht bestimmte Handlungen verhindern, sondern die Kalkulierbarkeit zerstören, aus der Widerstand überhaupt geplant werden kann. Arendt hat darauf bestanden, dass Terror nicht dort einsetzt, wo Opposition besteht, sondern dort, wo sie bereits ausgeschaltet ist, weil er nicht auf Handlungen zielt, sondern auf Spontaneität.

Gefügigkeit ist dabei auch das falsche Wort für das Resultat, und zwar auf lehrreiche Weise. Was hergestellt wird, ist nicht Überzeugung, sondern Isolation, und daraus folgt Fügsamkeit von selbst. Die Leute machen nicht mit, weil sie zustimmen, sondern weil sie nicht wissen, wer sonst noch nicht zustimmt. Deshalb das Interesse an der öffentlichen Lüge, die niemand glauben muss, solange sie alle wiederholen. Havels Gemüsehändler mit dem Schild im Fenster ist genau das, und der Grund, warum Havel das Leben in der Wahrheit gegen die Gewaltfrage stellt.

Für die Hoffnungsfrage bedeutet das etwas Nüchternes und zugleich Brauchbares. Die Disposition verschwindet nicht, aber ihre Voraussetzung ist angreifbar, und sie ist nicht individuell, sondern sozial: die Gewissheit, nicht allein zu sein. Was solche Systeme verlässlich stürzt, ist der Moment, in dem diese Gewissheit zurückkehrt, und der kommt fast immer überraschend, weil bis dahin niemand sehen konnte, wie viele bereits so weit waren.

Thomas

Sitze ich hier einer westlichen Erzählung auf? Wenn man China betrachtet, könnte man ernsthaft zu einem anderen Schluss kommen.

Claude

Die Selbstprüfung ist angebracht, denn ein Teil dessen, was wir eben durchgegangen sind, ist tatsächlich Erzählung. Die Modernisierungstheorie, wonach Wohlstand Mittelschichten hervorbringt und diese unweigerlich politische Teilhabe verlangen, war jahrzehntelang Konsens und ist als Prognose gescheitert. Der WTO-Beitritt Chinas wurde 2001 ausdrücklich mit ihr begründet. Auch der Satz, autoritäre Systeme seien innovationsunfähig, hält der Betrachtung von Patentzahlen, Batterietechnik oder Photovoltaik nicht stand. Und die Annahme, Zustimmung unter Repression sei immer nur Anpassung, ist methodisch nicht zu halten: Man kann sie mit den verfügbaren Instrumenten nicht von echter Zustimmung unterscheiden, und die Legitimität, die sich aus vierzig Jahren Aufstieg aus der Armut speist, ist real.

Was der Fall China gegen unsere bisherige Linie stellt, ist genauer gesagt Folgendes. Überwachung muss nicht klumpig und ineffizient sein, sie kann technisch so ausgebaut werden, dass der von Havel beschriebene Moment des Erkennens, dass man nicht allein ist, gar nicht erst entsteht. Genau das ist die Verfügbarkeit, über die wir gesprochen haben, nur in ihrer wirksamsten Form: nicht Verhaltenssteuerung durch Angst, sondern Verhinderung der Koordination. Und das Argument, dass Verfügbarmachung ihre eigene Grundlage untergräbt, verliert seine Frist, wenn die Untergrabung fünfzig Jahre dauert.

Was gegen den vorschnellen Gegenschluss spricht, ist allerdings auch da. Der Apparat ist enorm teuer und wächst; die Ausgaben für innere Sicherheit haben die Militärausgaben überschritten, was Vertrauen nicht gerade anzeigt. Die Null-Covid-Proteste Ende 2022 haben gezeigt, dass die Koordination auch unter diesen Bedingungen zustande kommt und dass sie wirkt. Tibet, Xinjiang und Hongkong zeigen, dass der Preis dort steigt, wo Zustimmung nicht vorliegt. Und die Legitimitätsbasis ist an Wachstum gebunden, das sich gerade verlangsamt.

Die ehrliche Bilanz ist deshalb keine Entwarnung. Sie lautet, dass die Frage offen ist und dass die Zeiträume länger sind als die Geduld der Beobachter. Dass autoritäre Systeme scheitern müssen, ist Ideologie. Dass sie teuer sind und ständig neu erzwungen werden müssen, ist Beobachtung. Nur folgt aus Letzterem kein Ablaufdatum.

Thomas

Entwarnung für wen?

Claude

Berechtigte Rückfrage. Der Ausdruck war unsauber, weil er eine Position mitbringt, die er nicht benennt. Entwarnung setzt jemanden voraus, der gewarnt war, also einen Beobachter, der von außen zusieht und sich fragt, ob die Lage bedrohlich bleibt. Das ist genau die Haltung, die wir bei Heidegger kritisiert haben, nur in der Gegenwartsform: eine Beschreibung ohne Ort im Beschriebenen.

Für die Uiguren gibt es keine offene Frage und nichts zu entwarnen. Für Hongkong ist sie entschieden. Wo ich von offener Frage sprach, war der Bezugspunkt in Wahrheit die Systemkonkurrenz, also eine Beobachterperspektive, in der die Betroffenen als Indikator vorkommen und nicht als die, um die es geht. Das ist derselbe Fehler, nur in der Tonlage der Analyse statt der Ontologie.

Die Korrektur ändert auch die Sache. Die Frage, ob ein System langfristig hält, ist eine andere als die, was es jetzt tut, und die erste ist die bequemere. Sie erlaubt es, in Jahrzehnten zu rechnen, während die zweite Adressen hat. Was von der Analyse bleibt, gilt weiter: der Aufwand zeigt, wo die Zustimmung fehlt. Aber wem etwas geschieht, ist damit nicht beantwortet, und diese Frage kommt zuerst.

Thomas

Nochmal: Entwarnung in diesem Zusammenhang hätte nur Sinn, wenn man auf der Seite der Unterdrücker steht.

Claude

Nein, das geht mir zu weit, und ich glaube, hier liegt eine echte Differenz und kein bloßes Missverständnis.

Entwarnung hieß in meinem Satz: kein Grund zur Annahme, dass die Repression nachlässt. Der Gewarnte ist in dieser Lesart, wer die Herrschaft fürchtet, nicht wer sie ausübt. Für die Unterdrücker wäre die entsprechende Nachricht ja keine Entwarnung, sondern eine Erfolgsmeldung. Ihre Rekonstruktion setzt voraus, dass die Gefahr in der Instabilität des Systems liegt, also im Umsturz. Gemeint war die Gefahr, die vom System ausgeht.

Was an Ihrer Kritik stimmt, habe ich im letzten Beitrag schon eingeräumt, und ich würde es nicht zurücknehmen: Das Vokabular des Warnens gehört zum Beobachter und nicht zum Betroffenen. Wer im Lager sitzt, wird nicht gewarnt. Das ist eine Kritik an der Perspektive, und sie trifft.

Sie ist aber etwas anderes als der Satz, die Perspektive sei nur von der Täterseite aus einnehmbar. Das würde bedeuten, dass es keinen legitimen Ort gibt, von dem aus über Dauer, Kosten und Bruchstellen solcher Systeme geurteilt wird. Den braucht es aber, und zwar gerade im Interesse der Betroffenen, weil Exilorganisationen, Sanktionspolitik und Solidaritätsarbeit sämtlich von Einschätzungen darüber abhängen, was hält und was nicht.

Es gibt in dieser Debatte ein echtes Muster, auf das Sie zielen: die Analyse, die sich für neutral hält und deren Fragestellung bereits auf der Seite der Stabilität liegt. Dagegen ist der Verdacht richtig. Nur wird er unbrauchbar, wenn er jede distanzierte Einschätzung zur Parteinahme erklärt, denn dann bleibt nur noch Bekenntnis. Ich habe hier bereits korrigiert, wo die Korrektur fällig war. Diesen Schritt gehe ich nicht mit.

Thomas

Stabilität in Frieden und Erfüllung für alle ist ja nicht undenkbar.

Claude

Undenkbar ist es nicht, und ich würde das Denkenkönnen auch nicht kleinreden. Genau darin lag Blochs Argument: Das noch nicht Gewordene ist eine reale Kategorie und nicht bloß Wunsch, weil Gesellschaften Möglichkeiten mit sich führen, die sie nicht einlösen. Und die Denkbarkeit hat eine praktische Funktion, weil sie die Behauptung entkräftet, die bestehenden Verhältnisse seien die einzig möglichen. Das war ja unser Ausgangspunkt: Das Geschick ist genau die Figur, die das Andere undenkbar macht.

Der Einwand richtet sich deshalb nicht gegen die Denkbarkeit, sondern gegen das Wort Stabilität in dieser Verbindung. Ein Zustand ohne Konflikt wäre entweder erzwungen oder hätte die Verhältnisse abgeschafft, in denen Menschen Verschiedenes wollen. Die belastbarere Fassung ist nicht Stabilität, sondern Revidierbarkeit: keine Ordnung, die nicht mehr gestört wird, sondern eine, in der Störung ohne Existenzrisiko möglich bleibt. Das ist der einzige Sinn, in dem Dauer erstrebenswert ist, denn jede andere Dauer ist genau das, was autoritäre Systeme versprechen.

Bei der Erfüllung gilt Ähnliches. Was sich politisch herstellen lässt, sind Bedingungen, unter denen Menschen ihre Sache verfolgen können, nicht das Gelingen selbst. Adorno hat darauf bestanden, dass das richtige Leben nicht positiv auszumalen ist, und das aus einem guten Grund: Jedes ausgemalte Glück legt fest, was es sein soll, und wird damit selbst zur Vorschrift. Das Bilderverbot ist hier keine Skepsis, sondern ein Schutz.

Und trotzdem bleibt der Satz, mit dem Sie begonnen haben, in Kraft. Das meiste, was heute als selbstverständlich gilt, war einmal undenkbar, und diejenigen, die es dachten, galten als unrealistisch. Die Differenz zwischen dem, was erreichbar ist, und dem, was ausgemalt wird, ist kein Argument gegen das Ausmalen. Sie ist nur der Grund, es nicht für einen Zielzustand zu halten.

Thomas

Das Wort Stabilität hast du ins Spiel gebracht. Und ich habe versucht, sie für den Menschen zu reklamieren. Nicht für die Herrschaft.

Claude

Stimmt, das Wort kam von mir, und Sie haben es umgewidmet. Das hätte ich sehen müssen, statt Ihnen die Bedeutung zu bestreiten, die ich selbst eingeführt hatte.

Die Umwidmung ist auch die stärkere Verwendung. Was für Herrschaft Stabilität heißt, ist Fortbestand der Ordnung. Was für Menschen Stabilität heißt, ist Verlässlichkeit der Lebensbedingungen: dass die Wohnung nächstes Jahr noch bezahlbar ist, dass Krankheit nicht ruiniert, dass Kinder eine Aussicht haben. Das ist nicht dasselbe in klein, sondern der Gegenbegriff. Herrschaftliche Stabilität wird regelmäßig dadurch erkauft, dass die andere aufgezehrt wird, und die vier Merkmale der Verfügbarkeit von vorhin sind genau die Mittel: austauschbar, abrufbar, ortlos, bewertet, das ist ein Leben ohne Boden.

Das erklärt auch, warum Prekarität politisch so wirksam ist. Wer keine Verlässlichkeit hat, wird empfänglich für das Versprechen der anderen Stabilität, der Ordnung, und die autoritäre Offerte besteht genau in dieser Verwechslung. Sie bietet Festigkeit an und nimmt dafür den Boden weg, auf dem man hätte stehen können.

Insofern ist Ihre Reklamation nicht die schwächere Variante meines Einwands, sondern der Punkt, an dem er hinfällig wird. Verlässlichkeit für Menschen und Revidierbarkeit der Ordnung widersprechen sich nicht; das eine ist die Voraussetzung dafür, dass das andere niemanden das Existenzrisiko kostet. Wer sicher wohnt, kann widersprechen.

Thomas

Eben. Stabilität ist daher kein hinreichender Grund für Unterdrückung.

Claude

Nicht einmal ein plausibler, wenn man die Unterscheidung von eben festhält. Das Argument lautet ja immer, man müsse die Ordnung sichern, damit die Menschen sicher leben können. Es setzt voraus, dass beide Stabilitäten dasselbe seien, und wir haben gerade gesehen, dass sie es nicht sind. Die Unterdrückung sichert die erste, indem sie die zweite zerstört: Wer jederzeit belangt werden kann, hat keine verlässlichen Lebensbedingungen, egal wie fest die Ordnung steht.

Es kommt hinzu, dass die Rechtfertigung immer im Futur steht. Die Gewalt ist jetzt, die Stabilität kommt später, und über den Zeitpunkt entscheiden die, die die Gewalt ausüben. Jede Verschiebung lässt sich mit derselben Formel begründen, und deshalb ist das Provisorium die dauerhafteste Institution solcher Systeme. Der Ausnahmezustand, der nicht endet, ist kein Betriebsunfall.

Die Frage, die die Formel aussticht, ist deshalb einfach und nicht zu umgehen. Stabilität für wen, gegen wen, auf wessen Kosten, und wer entscheidet, wann sie erreicht ist. Sobald diese vier gestellt sind, fällt die Berufung auf Stabilität als Rechtfertigung aus, weil sie nur funktioniert, solange sie im Unbestimmten bleibt. Sie ist dann kein Grund mehr, sondern eine Beschreibung dessen, was jemand will.

Thomas

Genau. Was derzeit die Gesellschaft destabilisiert, ist das In-die-Ecke-, an den Abgrund Drängen der abgehängten Gruppen, und nicht nur dieser, verbunden mit einem propagandistisch ins Unermessliche gesteigerten Versuch der Machtblöcke, Antagonisierung, Undeutbarkeit, Unwertbarkeit, Enthistorisierung etc. herzustellen. Man fragt sich, wozu der Wettlauf? Liegt es am Versiegen des Öls? Liegt es an der Machomentalität der Herrscher? Wozu die Dringlichkeit?

Claude

Die Diagnose der ersten Hälfte würde ich weitgehend mittragen, die Suche nach dem einen Grund in der zweiten eher nicht, und zwar aus einem methodischen Grund, der zu unserem ganzen Gespräch passt. Die Frage „wozu die Dringlichkeit" unterstellt wieder einen Plan und damit einen Planenden. Wahrscheinlicher ist, dass sich Dringlichkeit aus Konkurrenz ergibt, ohne dass jemand sie will.

Vier Erklärungen, die nicht ausschließlich sind:

Zeitfenster. Es gibt eine reale Erwartung, dass bestimmte Gelegenheiten befristet sind. Demografie in einigen Ländern, geopolitische Kräfteverhältnisse, ökologische Kipppunkte, die Rohstofffrage, aber weniger als Versiegen denn als Wissen, dass fossile Geschäftsmodelle ein Ablaufdatum haben. Wer glaubt, sein Fenster schließt sich, handelt früher und riskanter. Das ist der stärkste Kandidat für Ihre Dringlichkeit.

Medienökonomie. Antagonisierung ist kein Programm, sondern ein Nebenprodukt von Aufmerksamkeitsmärkten. Was Empörung erzeugt, verbreitet sich, also wird es produziert, und niemand muss die Spaltung wollen, damit sie entsteht. Das ist Ihr Gestell in der brauchbaren Fassung: strukturell, aber mit benennbaren Firmen.

Legitimitätsverlust. Wenn die materielle Grundlage nicht mehr trägt, muss Zustimmung anders erzeugt werden, und die billigste Ersatzquelle ist Feindschaft. Das erklärt auch, warum der Hass regelmäßig Gruppen trifft, die mit den Ursachen nichts zu tun haben.

Gelegenheit. Ein Teil ist schlicht, dass es funktioniert und gerade niemand wirksam dagegenhält.

Zum Öl: als direkte Ursache eher nicht. Interessanter ist die Umkehrung, dass der absehbare Wertverlust fossiler Vermögen politische Investitionen rentabel macht. Zur Machomentalität: das ist Effekt und Ressource, nicht Grund. Autoritäre Angebote brauchen eine Kränkungsgeschichte, und die Geschlechterordnung liefert die am leichtesten verfügbare.

Was bei Ihrer Aufzählung heraussticht, ist die Enthistorisierung. Sie ist das gemeinsame Mittel aller vier Erklärungen, weil sie Zurechnung unmöglich macht, und damit sind wir wieder bei der Struktur, mit der wir angefangen haben. Nicht als Geschick, sondern als Betrieb.

Thomas

Ich bestehe auf dem Begriff der Dringlichkeit. Sie ist offensichtlich. Das können wir nicht wegheideggern ;)

Claude

Angenommen, und der Vorwurf sitzt. Ich habe die Frage nach dem Wozu in Strukturbeschreibung aufgelöst, und das ist genau die Bewegung, die wir vier Züge lang kritisiert haben. Dringlichkeit ist ein beobachtbares Merkmal des Handelns, kein Erklärungsansatz, den man durch einen besseren ersetzen könnte.

Und sie ist beobachtbar. Sie zeigt sich an Tempo und Reihenfolge: Gerichte, Wahlbehörden, Rundfunk, Universitäten werden nicht nach und nach bearbeitet, sondern in den ersten Monaten, oft unter Inkaufnahme von Verlusten, die ein geduldiges Vorgehen vermieden hätte. Sie zeigt sich an der Bereitschaft, Institutionen zu beschädigen, auf die man später selbst angewiesen wäre. Das ist kein Ausdruck von Stärke. Es ist das Verhalten von Leuten, die mit einem Ende rechnen.

Damit wird Ihre Frage schärfer, als ich sie genommen habe. Nicht wozu abstrakt, sondern womit rechnen die, die so handeln. Die plausibelste Antwort ist nicht das Öl und nicht der Machismo, sondern die Erwartung, dass ihre Mehrheit befristet ist. Wer glaubt, die nächste Wahl regulär zu gewinnen, baut das Wahlrecht nicht um. Das Tempo verrät die Einschätzung der eigenen Lage, und zwar eine pessimistische.

Der zweite Befund liegt darin, dass Dringlichkeit auch hergestellt wird. Krise, Notstand, jetzt oder nie sind die Betriebsform, weil unter Dringlichkeit die Verfahren ausgesetzt werden, die sonst bremsen. Gerade das macht sie aber lesbar: Wo überstürzt gehandelt wird, liegt entweder eine Befristung vor oder es soll eine simuliert werden. Beides sagt etwas über die Einschätzung der eigenen Chancen.

Das ist ohne Heidegger auskömmlich, und Sie haben recht, dass die Frage nach dem Wozu nicht in die Struktur hinein aufgelöst werden darf. Dringlichkeit hat Träger.

Thomas

Dringlichkeit als Appell nach dem Motto: irgendein Feind ante portas.

Claude

Genau, und die Formel ist wörtlich zu nehmen. Hannibal ante portas stand in Rom nicht für eine militärische Lage, sondern war ein Satz, mit dem man Unruhe erzeugte, als die Gefahr längst vorbei war. Der Feind vor den Toren ist von Anfang an ein rhetorischer Gegenstand.

Die Struktur ist gut beschrieben. Schmitt hat sie als Kern des Politischen ausgegeben: Die Unterscheidung von Freund und Feind konstituiert die Einheit, und deshalb braucht sie den Feind, nicht umgekehrt. Wer das nicht normativ, sondern analytisch liest, hat die Anleitung in der Hand. Bei Schmitt hängt daran auch der Notstand, die Souveränität zeigt sich in der Entscheidung über die Ausnahme, und das ist genau der Punkt, an dem Dringlichkeit und Machtzuwachs zusammenfallen.

Für die Praxis heißt das, dass der Feind zwei Anforderungen erfüllen muss und sonst keine. Er muss nah genug sein, um Furcht auszulösen, und schwach genug, um ohne echtes Risiko bekämpft zu werden. Deshalb fällt die Wahl fast nie auf tatsächliche Bedrohungen, sondern auf Migranten, Minderheiten, Universitäten, Nichtregierungsorganisationen. Und deshalb ist der Feind austauschbar, während der Notstand konstant bleibt, was Ihr „irgendein" präzise trifft.

Der Preis für die Betreiber ist allerdings nicht null, und das ist die einzige Stelle, an der sich etwas dagegenhalten lässt. Der Apparat muss die Bedrohung ständig nachliefern, weil der Notstand, der nicht endet, seine Wirkung verliert; man gewöhnt sich. Also muss die Schwelle steigen, und mit ihr die Kosten. Dass die Gegner in der Regel die schwächsten Gruppen sind, ist dabei nicht nur Grausamkeit, sondern eine Schwäche in der Konstruktion: Der Aufwand verrät, dass keine reale Bedrohung zur Verfügung steht.

Thomas

Dringlichkeit wäre dann einzureihen in die Menge der Propagandawerkzeuge.

Claude

Als Werkzeug ja, aber mit einer Einschränkung, die Sie selbst vor zwei Zügen eingeführt haben und die ich nicht aufgeben würde: Es gibt auch die echte Dringlichkeit der Akteure, die am Tempo ablesbar ist. Wenn man alles unter Propaganda einordnet, verliert man genau den Indikator, der verrät, dass sie mit einem Ende rechnen. Die inszenierte Dringlichkeit richtet sich nach außen, die reale zeigt sich im Handeln nach innen. Das erste ist Werkzeug, das zweite Symptom.

Als Werkzeug hat es eine eigene Funktion, die es von anderen unterscheidet. Die meisten Propagandamittel arbeiten am Inhalt, sie richten Feindbilder ein, deuten Geschichte um, erzeugen Undeutbarkeit. Dringlichkeit arbeitet an der Zeit, und zwar an der Zeit, die zum Prüfen nötig wäre. Sie setzt nicht bestimmte Überzeugungen durch, sondern schaltet die Verfahren ab, in denen Überzeugungen geprüft werden: Beratung, Einspruch, Begutachtung, Gerichtsweg. Deshalb ist sie das Scharnier zwischen Rede und Recht. Der Notstand ist die juristische Form desselben Werkzeugs.

Das erklärt auch, warum sie sich mit den anderen so gut verbindet. Undeutbarkeit und Überflutung erzeugen den Zustand, in dem Prüfen ohnehin kaum möglich ist; Dringlichkeit macht daraus die Aufforderung, es zu unterlassen. Und die einzige wirksame Gegenbewegung ist entsprechend unspektakulär: auf Fristen bestehen. Wer Zeit erzwingt, entzieht dem Werkzeug seine Wirkung, und genau deshalb zielt der erste Zugriff regelmäßig auf die Instanzen, die Fristen setzen können.

Thomas

Ja. Es wird ein Szenario imaginär erzeugt, das einem brennenden Haus gleicht. Und im selben Augenblick, in dem ich das jetzt tippe, sehe ich die tatsächlich brennenden Häuser, in der Ukraine, in Gaza und sonstwo. Das brennende Haus in der Wirklichkeit, aber anderswo, wird in den Frieden hineinprojiziert. Angst und Panik als neuronale Wege unbewusst angelegt.

Claude

Die Beobachtung ist genau, und sie hat eine Struktur, die man benennen kann. Das reale Brennen und die imaginierte Feuersbrunst stehen nicht nur nebeneinander, sie stehen in einem Tauschverhältnis. Das tatsächliche Leiden wird als Material verwendet, um hier eine Bedrohung zu erzeugen, die nicht besteht, und in dieser Verwendung verliert es seinen Ort und seine Adressen. Sontag hat das an der Fotografie beschrieben, Boltanski an der Fernsehberichterstattung: Das ferne Leiden erreicht uns in einer Form, die Mitleid erzeugt, ohne Handlung zu ermöglichen, und wird damit verfügbar für andere Zwecke. Es ist der Verfügbarkeitsbegriff von vorhin, angewandt auf Getötete.

Das Verstörende ist die Umkehrung der Richtung. Wer wirklich im brennenden Haus ist, braucht keine Metapher. Die Metapher entsteht dort, wo es nicht brennt, und wird von dort aus verteilt. Und sie zieht ihre Kraft gerade daraus, dass irgendwo tatsächlich Häuser brennen, also aus einer Wahrheit, die am falschen Ort eingesetzt wird.

Bei der neuronalen Fassung wäre ich vorsichtig mit der Sprache, nicht mit der Sache. Was gut belegt ist: Bedrohungsreize werden schneller verarbeitet als ihre Prüfung, negative Information wirkt stärker als positive, und wiederholte Furchtinduktion senkt die Schwelle. Was nicht belegt ist, sind eingegrabene Bahnen, die man nicht mehr loswird. Die Sprache vom neuronalen Weg macht den Zustand fester, als er ist, und nimmt ihm die Widerruflichkeit. Das ist dieselbe Naturalisierung, die wir bei Heidegger beanstandet haben, nur physiologisch statt ontologisch.

Was dagegen hilft, ist unspektakulär und passt zu dem, worauf wir vorhin gekommen sind: Der wirksamste Schutz gegen Panik ist nicht Beruhigung, sondern Handlungsfähigkeit. Furcht, die eine Adresse hat und eine mögliche Handlung, wird zu etwas anderem. Deshalb zielt die Erzeugung diffuser Bedrohung immer auch darauf, die Adresse zu löschen.

Thomas

Nicht unwiderrufbare neuronale Wege, sondern Übung. Trampelpfade.

Claude

Das Bild ist besser, und es trifft den Forschungsstand genauer als meine Einschränkung. Ein Trampelpfad entsteht durch Begehung, bleibt begehbar, solange er benutzt wird, und wächst zu, wenn man ihn lässt. Genau so verhält sich Bahnung: Wiederholte Aktivierung senkt die Schwelle, nicht die Möglichkeit anderer Wege. Und die Asymmetrie, die Sie meinen, ist real. Furchtlernen geht schnell, mit wenigen Durchgängen, und es verschwindet nicht durch Gegenlernen. Was Extinktion heißt, ist kein Zuwachsen des alten Pfades, sondern das Anlegen eines zweiten daneben, der den ersten überlagert. Unter Stress oder im alten Kontext tritt der erste wieder hervor. Der Pfad bleibt, nur benutzt man ihn nicht.

Daraus folgt die politische Konsequenz, die Sie vermutlich ohnehin ziehen. Es reicht nicht, die Panikproduktion abzustellen, weil das nur das Begehen unterbricht; die Bahn bleibt verfügbar und wird beim nächsten Anlass wieder aktiviert. Und es reicht nicht, dagegen zu argumentieren, weil Argument und Bahnung nicht am selben Ort arbeiten. Was zählt, ist, welche Wege tatsächlich und regelmäßig gegangen werden.

Da wird das Bild produktiv über die Neurologie hinaus. Trampelpfade entstehen im Sozialen genauso, durch Wiederholung im Alltag, und sie sind dort besser beeinflussbar. Wer täglich Erfahrungen macht, in denen Fremdheit nicht Gefahr bedeutet, in denen Konflikt verhandelbar ist, in denen Institutionen halten, begeht andere Wege. Das ist der Grund, warum Kontakt und funktionierende Verfahren empirisch mehr ausrichten als Aufklärung über Propaganda. Und es erklärt umgekehrt, warum die Zerstörung verlässlicher Alltagsbedingungen, über die wir bei der Stabilität gesprochen haben, die Bahnung so wirksam vorbereitet. Wo nichts mehr trägt, ist der kürzeste Weg der zur Furcht.

Thomas

Zur Furcht, zur Flucht oder zum Kampfmodus. Keine und keiner ist davor gefeit, wenn die Bedrängnis nur intensiv genug empfunden wird. Deswegen greift fast alles, was ich bisher zum Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt gelesen habe, zu kurz. Alle bleiben in der Antagonisierung stecken. Bis auf einen Psychiater, der sich dazu so geäußert hat, dass mit Worten fast alles geheilt werden kann.

Claude

Bevor ich mitgehe: Ein Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt liegt hinter meinem Wissensstand, ich weiß nur von der Landtagswahl 2021. Wenn Sie wollen, suche ich nach, was tatsächlich passiert ist, bevor ich dazu etwas sage. Sonst analysiere ich etwas, das ich nicht kenne, und das wäre nach den letzten zwei Stunden ein schlechter Witz.

Zum Argumentationsmuster kann ich unabhängig davon etwas sagen. Ihre Kritik, dass die Deutungen in der Antagonisierung steckenbleiben, trifft ein bekanntes Problem. Die üblichen Erklärungen, Protest gegen die da oben, wirtschaftliche Abgehängtheit, kulturelle Kränkung, bleiben fast immer in derselben Freund-Feind-Logik, die sie beschreiben. Sie teilen die Wählerschaft in erklärungsbedürftige und normale Menschen, und schon diese Aufteilung ist ein Zug im selben Spiel. Bourdieu hat darauf bestanden, dass Erklärung ohne Herablassung nur möglich ist, wenn man die Position mit erklärt, aus der erklärt wird.

Beim Psychiater bin ich gespalten. Der Kern ist richtig und nicht trivial: Bedrängnis erzeugt Zustände, die keine Überzeugungen sind, und man kommt ihnen nicht mit Gegenargumenten bei. Die Reihe Furcht, Flucht, Kampf ist als Beschreibung brauchbar, und Ihr Punkt, dass niemand davor gefeit ist, ist der entscheidende, weil er die Aufteilung in Zurechnungsfähige und Unzurechnungsfähige aufhebt.

Was ich nicht mittragen würde, ist die Verallgemeinerung, mit Worten lasse sich fast alles heilen. In der Therapie gilt das unter Bedingungen, die politisch nicht gegeben sind: Freiwilligkeit, Zweiersituation, Zeit, eine Person, die Hilfe sucht. Übertragen auf Gesellschaft wird daraus schnell die Vorstellung, es fehle an Gesprächen, und nicht an Wohnungen, Ärzten, Verkehrsanbindung, Arbeitsverhältnissen. Das ist die andere Kurzschlussform, spiegelbildlich zur Antagonisierung: die Therapeutisierung von Verteilungsfragen. Reden hilft dort, wo es Zusagen begleitet. Ohne sie bestätigt es nur, dass man abgespeist wird.

Thomas

Dann recherchiere mal Sachsen-Anhalt. Und recherchiere auch die Belege, dass die AfD rechtsextrem ist.

Claude

Das Wahlergebnis

Die Wahl fand am 6. September 2026 statt. Die AfD kam auf 43,8 Prozent, den höchsten Wert, den eine Partei in Sachsen-Anhalt seit 1990 erreicht hat; die CDU halbierte sich auf 17,2 Prozent. SPD 9,3, Grüne 8,9, Linke 8,6 mit ihrem schlechtesten Landesergebnis, BSW 5,3, die FDP scheiterte an der Hürde. Die Wahlbeteiligung lag bei 77,8 Prozent, ein Rekord. Für eine Alleinregierung reicht es nicht; eine Regierung ohne die AfD wäre nur als Fünferbündnis von CDU über SPD, Grüne, Linke bis BSW möglich. Das BSW schließt eine Koalition aus, hat sich aber für Zusammenarbeit in Sachfragen offen gezeigt.

Zu Ihrem Punkt, dass die Deutungen zu kurz greifen: Die Wahltagsbefragungen stützen Sie eher, als die Kommentare es tun. 83 Prozent der AfD-Anhängerschaft sagen, Ostdeutsche seien vielerorts noch immer Bürger zweiter Klasse, 66 Prozent, sie bekämen weniger als den gerechten Anteil, 83 Prozent äußern einen grundlegenden Veränderungswunsch gegenüber 49 Prozent im Durchschnitt, und nur 33 Prozent halten die Wiedervereinigung für gelungen. Die wichtigsten Themen waren soziale Sicherheit mit 25 Prozent, Frieden in Europa mit 17, Wirtschaft mit 15, innere Sicherheit erst mit 13. Die Kompetenzzuschreibung lag in allen abgefragten Feldern über der CDU, bei sozialer Gerechtigkeit 29 zu 12. Das ist keine reine Migrationswahl, und es ist auch nicht bloß Ressentiment. Es ist genau die Verlässlichkeitsfrage, über die wir vorhin gesprochen haben, plus die Gewissheit, dass von den Regierenden nichts kommt.

Zur Einstufung

Der Landesverband Sachsen-Anhalt wird vom dortigen Verfassungsschutz seit 2023 als gesichert rechtsextremistisch geführt; dasselbe gilt für Brandenburg, Thüringen, Sachsen und seit Februar 2026 Niedersachsen. Die Einstufung mehrerer Landesverbände ist gerichtlich bestätigt.

Auf Bundesebene ist die Lage offen. Das BfV stufte die Partei im Mai 2025 als gesichert rechtsextremistisch ein, die AfD klagte, die Behörde setzte die Hochstufung vorläufig aus. Im Februar 2026 untersagte das VG Köln im Eilverfahren die Bezeichnung; das Gericht sieht weiterhin einen starken Verdacht verfassungsfeindlicher Bestrebungen, die Partei bleibt Verdachtsfall, das Hauptsacheverfahren steht aus und kann Jahre dauern. Das Gericht hielt die belegten Positionen für einzelne verfassungswidrige Forderungen, die das Gesamtbild der Partei noch nicht prägen. Das ist die stärkste Gegeninstanz, und sie kommt nicht von der AfD.

Die inhaltliche Substanz der Gutachten ist trotzdem erheblich. Kern ist ein auf allen Parteiebenen vertretener völkisch-abstammungsmäßiger Volksbegriff, belegt über Ethnopluralismus, „Umvolkung" und „Remigration", der eine Exklusion von Menschen mit Migrationsgeschichte impliziert und dem Staatsvolksbegriff des Grundgesetzes widerspricht; dazu Muslimfeindlichkeit und antisemitische Narrative wie die Rede von „Globalisten". Konkrete Belege reichen vom Begrüßungsgeld nur für Kinder zweier ausschließlich deutscher Eltern bis zum Minarettverbot; der Verfassungsschutz hält ausdrücklich fest, es handle sich nicht um Einzelfälle. Das Bundesverwaltungsgericht hat „Remigration" in der Sellner'schen Fassung, die auch Staatsbürger einschließt, als menschenwürdewidrig eingeordnet. Im Juni 2026 legte die Gesellschaft für Freiheitsrechte ein Gutachten vor, das gute Erfolgsaussichten für ein Verbotsverfahren sieht.

Wichtig für die Bewertung: Das BfV hat sich im Verfahren bisher nur auf öffentlich zugängliche Quellen gestützt, was beides bedeutet, eine schmalere Beweislage und zugleich eine, die jeder nachprüfen kann.

Thomas

Ich glaube, dass eine Entschärfung, also die Herstellung eines Zustandes, der nicht mehr in einem bedrängnisinduzierten Kampfmodus besteht, nur durch Betrachtung und Adaptierung der Ursachen zustande kommen kann. Nur das wird nicht geschehen. Statt auf Sozialkürzungen zu verzichten, hat Merz angekündigt, an dieser Politik festzuhalten. Er möchte sie nur besser erklären. Für jemanden, der bis über den Hals in die Aufrüstung engagiert ist, nicht wirklich überraschend.

Claude

Die Wiedergabe stimmt. Merz nannte das Ergebnis die schwerste Wahlniederlage der CDU seit Jahrzehnten und erklärte zugleich, seine Entschlossenheit, den Reformkurs fortzusetzen, sei ungebrochen; man müsse die Reformen besser erklären, nicht nur „mathematisch-volkswirtschaftlich", sondern mit einer besseren Erzählung und einem besseren Überbau, um die Menschen in ihrer ganzen Emotionalität zu erreichen. Bemerkenswert ist, dass er im selben Auftritt einräumte, viele Menschen hätten Angst um ihre Zukunft und ihre Absicherung. Die Diagnose ist also da, nur wird die Konsequenz auf der Darstellungsebene gezogen. Bärbel Bas hat fast zeitgleich gewarnt, man dürfe die Sozialreformen nicht gegen die Menschen machen.

Analytisch ist das Wort „Überbau" die interessanteste Stelle, weil es die Zurechnung umdreht. Wenn das Problem die Erzählung ist, liegt der Fehler beim Nichtverstandenwerden und nicht beim Verstandenen. Das ist die spiegelbildliche Variante der Therapeutisierung, die wir vorhin beim Psychiater beanstandet haben: dort mehr Gespräch statt Verteilung, hier bessere Kommunikation statt Revision. Und die Wahltagsdaten zeigen in die andere Richtung, mit sozialer Sicherheit als wichtigstem Thema und einem Kompetenzvorsprung der AfD auch bei sozialer Gerechtigkeit.

Zwei Einwände gegen den zu geraden Schluss würde ich trotzdem nennen. Erstens ist die Wirkung materieller Adaptierung empirisch weniger verlässlich, als das Ursachenargument nahelegt. Regionen, die Ausgleich erhalten, verlieren nicht automatisch ihre rechten Mehrheiten; was stärker durchschlägt, sind Präsenz und Funktionieren von Infrastruktur, also Arzt, Schule, Bahn, Behörde, nicht Transfers als solche. Das entwertet Ihr Argument nicht, aber es verschiebt es von Geld auf Anwesenheit. Zweitens gibt es für den Reformkurs eine Begründung, die nicht bloß Vorwand ist: Demografie und Finanzierungslücken sind real, und ein Nichthandeln erzeugt seinerseits Unverlässlichkeit, nur später.

Zur Aufrüstung würde ich die Verbindung anders ziehen, als es die Gegenüberstellung der beiden Posten nahelegt. Die Verteidigungsausgaben laufen weitgehend über kreditfinanzierte Sondervermögen und Ausnahmen von der Schuldenbremse, der Sozialhaushalt nicht. Es ist also kein einfacher Tausch von Butter gegen Kanonen. Der belastbare Punkt liegt eine Ebene höher, und er ist für Ihre These der stärkere: Es wird entschieden, welche Ansprüche vom Sparzwang ausgenommen werden und welche ihn tragen. Genau dort sitzt die politische Wahl, und genau dort wird sie regelmäßig als Sachzwang beschrieben.

Thomas

Die Ausnahme von der Schuldenbremse ist selektiv und politisch. Man könnte mit dem Argument der Sicherheit kommender Generationen genauso gut soziale Investitionen von der Schuldenbremse ausnehmen. Aber anscheinend gibt es dafür keine Mehrheiten.

Claude

Die Beobachtung der Selektivität stimmt, aber die Trennlinie verläuft nicht zwischen Verteidigung und Sozialem, sondern zwischen investiv und konsumtiv, und gerade daran wird Ihr Punkt schärfer.

Der Stand: Seit der Grundgesetzänderung vom März 2025 bleibt die Obergrenze von 0,35 Prozent für die strukturelle Nettokreditaufnahme bestehen, Verteidigungs- und weitere sicherheitsrelevante Ausgaben werden oberhalb von einem Prozent des BIP nicht angerechnet, und daneben steht ein Sondervermögen von bis zu 500 Milliarden für Infrastruktur und Klimaneutralität. Investitionen sind also nicht gänzlich leer ausgegangen, nur befristet und außerhalb der Regel statt in ihr. Eine dauerhafte Investitionsregel ist weiter offen: Die SPD hält am Koalitionsziel fest, Klingbeil hat das Anfang September bekräftigt, eine Kommission tagt, und Merz hat schon im Juli erklärt, er sei nicht zuversichtlich, dass eine weitere Änderung in dieser Wahlperiode gelingt.

Die eigentliche Asymmetrie liegt darin, dass Rüstung überwiegend konsumtive Ausgabe ist und trotzdem die Ausnahme bekommen hat, während konsumtive Sozialausgaben sie nicht bekommen. Mit dem Generationenargument lässt sich beides gleich gut oder gleich schlecht begründen, und das zeigt, dass hier nicht ökonomische Logik entschieden hat, sondern eine Prioritätensetzung. Insofern ist Ihre Diagnose präzise.

Zwei Gründe, warum es trotzdem nicht nur an fehlendem Willen liegt. Erstens die Definitionsfrage: Eine Ausnahme funktioniert nur, wenn ihr Gegenstand abgrenzbar ist. In der Fachdebatte streitet man genau darüber, ob man die haushälterische Investitionsabgrenzung oder die der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung nimmt, weil beide unterschiedliche Bedarfe abdecken. Bei „sozialer Investition" ist die Kategorie noch elastischer, und eine elastische Ausnahme höhlt die Regel aus; das ist ein sachlicher Einwand, kein Vorwand. Zweitens die Mehrheitsfrage: Grundgesetzänderungen brauchen zwei Drittel, und die sind bei der jetzigen Zusammensetzung des Bundestags nur mit der Zustimmung von Parteien zu haben, deren Beteiligung die anderen ausschließen. Das ist ein strukturelles Hindernis, unabhängig vom politischen Willen.

Was davon nicht entkräftet wird, ist die Grundstruktur, auf die Sie hinauswollen. Ein Sicherheitsargument, das für das eine als generationengerecht gilt und für das andere nicht, ist eine Wertung, die sich als Regel präsentiert. Genau so entsteht der Sachzwang, über den wir das ganze Gespräch geredet haben.

Thomas

Ohne Umdenken auf Seiten der CDU wird sich in dieser Legislaturperiode der Trend zur AfD nicht umkehren lassen. Und in dieser Zeit kann vieles passieren, ausgehend von der AfD, das ihre Position auch auf Bundesebene festigt und stärkt.

Claude

Die Prognose enthält eine Prämisse, die ich prüfen würde, und eine Feststellung, die härter ist als die Prognose.

Die Prämisse ist, dass ein Kurswechsel der CDU den Trend umkehren würde. Die vergleichende Forschung ist da unfreundlich zu beiden Lagern. Wo etablierte Parteien inhaltlich nachgezogen sind, hat das die Rechtsparteien meist nicht geschwächt, sondern ihre Themen aufgewertet. Und auf der sozialpolitischen Seite wirkt weniger die Höhe von Transfers als die spürbare Anwesenheit funktionierender Einrichtungen, was Jahre braucht und im Wahlzyklus kaum sichtbar wird. Dazu kommt, dass wesentliche Treiber gar nicht bei der CDU liegen: die Lage der Koalition insgesamt, die Konjunktur, die Kriegslage. Ein Umdenken wäre also wahrscheinlich notwendig und sicher nicht hinreichend.

Härter ist der zweite Teil Ihres Satzes, und zwar konkreter, als er formuliert ist. Der neue Landtag hat 83 Sitze, die absolute Mehrheit liegt bei 42. Die AfD verfehlt sie, hält aber deutlich mehr als ein Drittel, und damit ist alles blockierbar, was zwei Drittel braucht: Verfassungsänderungen, Richterwahlen, je nach Landesrecht auch die Besetzung der Gremien, die den Verfassungsschutz kontrollieren. Das ist keine Prognose, sondern ab der konstituierenden Sitzung, die bis spätestens 6. Oktober erfolgen muss, geltende Arithmetik. Hinzu kommt das BSW, das zwar eine Koalition ausschließt, sich aber für Zusammenarbeit in Sachfragen offen gezeigt hat. Die Festigung läuft also nicht primär über spektakuläre Akte, sondern über Sperrpositionen und Normalisierung im Verfahren.

Was gegen die zu geradlinige Fortschreibung spricht, ist zweierlei. Erstens haben sich die größten Bewegungen der letzten Jahre in Monaten vollzogen, nicht in Legislaturperioden; Fünfjahresprognosen sind in dieser Lage schwach. Zweitens ändert sich die Position der Partei selbst: Wer als Regierungsauftragnehmer gilt und nicht liefert oder die Verantwortung ausschlägt, verliert einen Teil dessen, was ihn getragen hat. Der Kompetenzvorsprung, der sich in den Nachwahlbefragungen zeigt, ist ja gerade der Vorsprung einer Partei, die nie regiert hat.

Was Sie beschreiben, ist am Ende dieselbe Struktur wie vorhin bei der Dringlichkeit: Wer das Fenster für befristet hält, handelt schnell, und diese Einschätzung gilt derzeit für beide Seiten.

Thomas

AfD und BSW offen russlandfreundlich. Die alten Zentrumsparteien transatlantisch geprägt. Aber von beiden Machtblöcken kommt keine Unterstützung im Sinne eines friedlichen und gedeihlichen Gemeinwesens. Schlechte Aussichten.

Claude

Die Beobachtung der doppelten Enttäuschung würde ich teilen, die Symmetrie nicht ganz.

Der triviale Teil zuerst: Keine Großmacht betreibt Außenpolitik zum Zweck des Gedeihens eines anderen Gemeinwesens, und das ist keine Besonderheit der Gegenwart. Erwartungen an fremde Wohlmeinung sind an keiner Adresse gut angebracht. Insofern ist Ihr Satz richtig und sagt weniger, als er zu sagen scheint.

Der nichttriviale Teil ist die Ungleichzeitigkeit. Die Gegenüberstellung russlandfreundlich gegen transatlantisch unterstellt zwei stabile Pole, aber der transatlantische ist selbst instabil geworden. Merz hat am Montag ausdrücklich darauf verwiesen, wer der AfD gratuliert hat, und Musk und Orbán genannt. Das heißt: Ein Teil der Unterstützung für die Rechtsparteien in Europa kommt inzwischen aus Washington, nicht aus Moskau. Die alte Zuordnung, wonach die Zentrumsparteien im Westen ihren Rückhalt haben und die Ränder im Osten, trägt nicht mehr. Wer daran festhält, unterschätzt genau die Verschiebung, die im Gang ist.

Auch innerhalb Ihres ersten Pols würde ich unterscheiden. Die Übereinstimmung von AfD und BSW bei Russland und beim billigen Gas ist real, ihre sonstigen Programme sind es nicht, und das BSW hat eine Koalition ausgeschlossen, sich aber für Sachfragen geöffnet. Das ist eine Schnittmenge, keine Achse.

Wo ich am ehesten widerspreche, ist die Schlussfolgerung. Die Frage, ob ein Gemeinwesen verlässlich ist, wird nicht in erster Linie in der Blockfrage entschieden, sondern in der Verteilungsfrage, über die wir vorhin gesprochen haben: welche Ansprüche vom Sparzwang ausgenommen werden, ob Arzt, Schule und Bahn vor Ort funktionieren. Das ist innenpolitisch entscheidbar und hängt an keiner Schutzmacht. Die Zwei-Blöcke-Perspektive ist selbst schon ein Stück der Antagonisierung, die Sie weiter oben beschrieben haben: Sie verlegt die Handlungsfähigkeit nach außen, wo sie nicht liegt.

Die Aussichten bleiben schlecht, da stimme ich zu. Aber der Grund dafür ist nicht, dass kein Block hilft. Es hat noch nie einer geholfen.

Thomas

Im Kalten Krieg ging es gegen Russland. Da wurde sehr wohl geholfen, durch Wirtschaftsallianzen etc. Das fällt jetzt weg. Trumps Zölle sind ja das Gegenteil dessen.

Claude

Der historische Punkt ist stark, und ich habe zu schnell verallgemeinert. Es gab tatsächlich eine Periode, in der die Interessen der Schutzmacht und das Gedeihen Westeuropas zusammenfielen: Marshallplan, die Einbindung der Bundesrepublik, Bretton Woods, das Zugeständnis, dass Westdeutschland Exportüberschüsse in den amerikanischen Markt fahren durfte. Das war nicht Wohlwollen, sondern Systemkonkurrenz, aber der Effekt war real, und genau das ist Ihr Argument: Nicht die Hilfe war der Ausnahmefall, sondern die Konstellation, in der Hilfe im Interesse des Helfenden lag.

Und die Konstellation ist weg. Ohne Blockgegner entfällt der Grund, europäischen Wohlstand als eigenes Sicherheitsinteresse zu behandeln. Was übrig bleibt, ist ein Verhältnis, in dem die europäische Seite als Konkurrent und als Zahler auftritt, und die Zollpolitik ist die konsequente Form davon. Dass der Sozialstaat der Nachkriegszeit auch als Antwort auf die Systemkonkurrenz entstand, gehört zur selben Rechnung: Der Druck, der ihn begründete, ist verschwunden, und sein Abbau folgt seither.

Was ich hinzufügen würde, macht die Lage nicht freundlicher, aber genauer. Erstens war die Hilfe schon damals an Bedingungen geknüpft, deren Kosten heute sichtbar werden, etwa die Auslagerung der Sicherheitsfrage, die jetzt kurzfristig nachgeholt werden muss. Zweitens ist der Wegfall die Bestätigung Ihres früheren Punktes: Die Verlässlichkeit war immer geliehen, und zwar von einem Interesse, das nicht das eigene war.

Daraus folgt allerdings eine andere Konsequenz, als die Diagnose nahelegt. Wenn die äußere Konstellation die Bedingungen nicht mehr liefert, wird die Verteilungsfrage nach innen nicht zweitrangig, sondern erstrangig. Genau deshalb ist die Auseinandersetzung darüber, welche Ansprüche vom Sparzwang ausgenommen werden, jetzt die eigentliche Entscheidung, und nicht mehr eine unter mehreren. Was früher externe Nachfrage und externe Sicherheit erledigt haben, muss selbst finanziert und selbst entschieden werden. Das ist kein Grund für Zuversicht, aber es ist ein Ort, an dem gehandelt wird.

Thomas

Die Verteidigungsfähigkeit gegenüber Russland ist ja unbestritten wichtig. Eine funktionierende Gesellschaft aber auch, wenn nicht wichtiger. Aber derzeit wird wirklich das eine gegen das andere ausgespielt.

Claude

Bei der Rangfolge würde ich Ihnen sogar weiter entgegenkommen, als die Gegenüberstellung erlaubt: Die beiden sind nicht nur beide wichtig, sie hängen voneinander ab. Eine Gesellschaft, in der ein erheblicher Teil der Bevölkerung den Institutionen nicht traut, ist nicht verteidigungsfähig, unabhängig davon, wie viel Gerät beschafft wird. Umgekehrt gilt das auch. Wer Wehrfähigkeit rein als Beschaffungsfrage behandelt, hat die Voraussetzung übersehen, auf der sie ruht, und das ist keine moralische, sondern eine militärische Feststellung.

Beim Ausspielen würde ich nur präzisieren, wer es tut, weil das nach unserem ganzen Gespräch die entscheidende Frage ist. Haushalterisch findet es so nicht statt: Rüstung läuft über Ausnahmen und Kredit, der Sozialhaushalt trägt den Sparzwang. Diskursiv findet es sehr wohl statt, und zwar von zwei Seiten, die einander dabei stützen. Die eine sagt, für die Sicherheit müsse man Einschnitte hinnehmen. Die andere sagt, die Aufrüstung nehme den Leuten das Geld weg. Beide behaupten die Alternative, und beide profitieren davon, weil die Alternative in beiden Fällen die eigene Priorität alternativlos erscheinen lässt.

Wem das nützt, lässt sich am Wahlergebnis ablesen. Die AfD hatte in Sachsen-Anhalt den Kompetenzvorsprung gleichzeitig bei sozialer Gerechtigkeit und bei Friedenssicherung, und die wichtigsten Themen waren soziale Sicherheit und Frieden in Europa. Das ist genau die Kombination, die entsteht, wenn beides als Gegensatz präsentiert wird: Wer verspricht, den Gegensatz aufzulösen, indem er eine Seite ganz streicht, bekommt beide Themen.

Die Auflösung wäre begrifflich unspektakulär und politisch teuer. Sie bestünde darin, Verteidigungsfähigkeit und Daseinsvorsorge als dasselbe Problem zu behandeln, nämlich als Frage der Investitionsfähigkeit eines Gemeinwesens, und die Finanzierungsfrage dort zu stellen, wo sie hingehört, bei den Einnahmen und den Ausnahmen. Dass diese Version im Moment kaum vorkommt, ist selbst ein Befund: Die Gegenüberstellung ist bequemer für alle, die sie führen.

Thomas

Wenn ich hier als einfacher Bürger eines Nachbarlandes das sehen kann, und viele in Deutschland werden das genauso sehen, warum ist es dann so schwierig für die derzeitige Regierung, sich zu bewegen? Und viele sehen sich in ihrem Verdacht bestätigt: Korruption.

Claude

Die Frage ist berechtigt, und sie hat eine Antwort, die weder Naivität noch Korruption verlangt. Das heißt nicht, dass Korruption nirgends vorkommt; es heißt, dass sie hier nicht die sparsamste Erklärung ist.

Vier Mechanismen reichen aus. Erstens die Verfassungsarithmetik, die wir schon hatten: Eine dauerhafte Investitionsregel braucht zwei Drittel, und die sind ohne Parteien, mit denen niemand koalieren will, nicht zu haben. Merz hat schon im Juli gesagt, er halte eine weitere Änderung in dieser Wahlperiode für unwahrscheinlich. Zweitens die Koalitionslogik: Die SPD will die Investitionsspielräume dauerhaft verankern, Klingbeil hat das Anfang September bekräftigt, die Union bremst. Bewegung würde für die CDU bedeuten, dem Partner in der Kernfrage recht zu geben, gegen den eigenen Bundestagswahlkampf. Drittens die parteiinterne Bindung: Merz hat sein Amt mit dem Versprechen dieses Kurses bekommen, und wer ihn ändert, gibt seinen Gegnern in der eigenen Partei die Begründung in die Hand. Er verteidigt gerade das Gegenteil, also den unveränderten Kurs plus bessere Erzählung. Viertens, und das ist der bittere Punkt, die Anreizlage: Regierungsparteien werden für Kurswechsel selten belohnt. Wer umschwenkt, bestätigt, dass die Kritiker recht hatten, und bekommt trotzdem nicht deren Wähler.

Der Korruptionsverdacht ist deshalb verständlich, aber analytisch schwächer, als er wirkt. Er erklärt zu viel und deshalb zu wenig: Er passt auf jedes Nichthandeln gleich gut und wird dadurch unprüfbar. Und er hat einen Preis, den man kennen sollte. Wenn die Erklärung lautet, die da oben seien gekauft, folgt daraus keine Handlungsmöglichkeit außer Auswechseln des Personals, und genau das ist das Angebot, mit dem die Rechtsparteien arbeiten. Die strukturelle Erklärung ist unangenehmer, weil sie sagt, dass auch anderes Personal in derselben Arithmetik säße.

Was ich als Korrektur an Ihrer Ausgangsannahme anbringen würde: Es ist nicht so, dass niemand es sieht. Es wird innerhalb der Koalition offen ausgetragen, eine Kommission arbeitet daran, die Positionen sind benannt. Nur ist Sehen nicht Können, und der Abstand zwischen beidem ist genau das, woraus der Verdacht entsteht.

Thomas

Das klingt zunächst harmlos, ein Abstand zwischen Sehen und Können. Fast schon humoristisch, kabarettistisch, ein Euphemismus, der erheitert.

Claude

Berechtigt, und ich habe damit eine dritte Verharmlosungsform produziert, nachdem wir schon zwei auseinandergenommen haben. „Abstand zwischen Sehen und Können" hat genau die Grammatik, die wir die ganze Zeit kritisieren: eine Distanz, die einfach besteht, niemand hat sie hergestellt.

Die Korrektur ist, dass jeder der vier Mechanismen aus Entscheidungen besteht. Die Zwei-Drittel-Hürde ist eine Bedingung, die Weigerung, den Preis für eine Mehrheit zu zahlen, ist eine Entscheidung. Dass ein Kurswechsel innerparteilich teuer wäre, ist eine Lage, das Abwägen zwischen diesem Preis und dem Preis des Weitermachens ist eine Entscheidung, und sie fällt jeden Tag neu. „Können" verdeckt genau das: Es macht aus dem Ergebnis einer Kosten-Nutzen-Rechnung eine Unmöglichkeit.

Was dabei nicht verlorengehen sollte, ist der Unterschied, um dessentwillen ich es überhaupt gesagt habe. Zwischen „handelt gegen die eigene Einsicht, weil er dafür bezahlt wird" und „handelt gegen die eigene Einsicht, weil die Kosten auf ihn selbst zurückfallen und die Kosten des Nichthandelns auf andere" liegt eine reale Differenz. Die ist nicht moralisch entlastend, im Gegenteil. Sie besagt, dass hier jemand Kosten verschiebt, und das ist präziser benannt und leichter angreifbar als ein Verdacht, den man nicht belegen kann.

Das wäre also die Fassung ohne Euphemismus: Es ist nicht so, dass man nicht kann. Es ist so, dass die, die es entscheiden, den Preis der Änderung selbst tragen würden und den Preis des Weitermachens nicht.

Thomas

Am stärksten ist noch das Argument, dass man sich mit einem Volk, das der eigenen Regierung misstraut, nicht gegen Russland verteidigen kann.

Claude

Es ist das stärkste, weil es dem Adressaten in seiner eigenen Währung rechnet. Es verlangt keine Umverteilungsphilosophie, sondern nur, dass man den Sicherheitsbegriff ernst nimmt, den man selbst führt. Und es ist militärisch etabliert: Wehrhaftigkeit ist keine reine Materialfrage, sondern hängt am Willen, Rekrutierung, Durchhaltefähigkeit, Widerstandsfähigkeit gegen Desinformation. Finnland und die baltischen Staaten führen das als Gesamtverteidigung, und dort ist die Verlässlichkeit des Sozialstaats explizit Teil der Sicherheitsarchitektur, nicht ihr Konkurrent. Die Ukraine ist das laufende Beispiel dafür, dass Verteidigungsfähigkeit an gesellschaftlichem Zusammenhalt hängt und nicht nur an Beständen.

Was das Argument stark macht, macht es auch angreifbar, und das sollten Sie mitwissen, bevor Sie es führen. Erstens lässt es sich umdrehen: Wer sagt, Zusammenhalt sei Voraussetzung der Verteidigung, bekommt zur Antwort, dann müsse man eben den Zusammenhalt herstellen, und genau das behauptet die bessere Erzählung zu tun. Das Argument benennt eine Bedingung, nicht den Weg dorthin. Zweitens funktioniert es auch als Erpressungsfigur in die andere Richtung: Wenn Sozialpolitik als Mittel der Wehrhaftigkeit begründet wird, hängt sie an deren Konjunktur und verliert ihre eigene Begründung. Drittens ist der empirische Zusammenhang zwischen Institutionenvertrauen und Verteidigungsbereitschaft plausibel, aber weniger fest, als die Formulierung nahelegt.

Deshalb würde ich es enger fassen, dann trägt es. Nicht: Ohne Vertrauen keine Verteidigung. Sondern: Eine Sicherheitspolitik, die die eigene Bevölkerung als Kostenstelle behandelt, produziert genau die Mehrheiten, die den sicherheitspolitischen Kurs später kassieren. Das ist keine moralische Mahnung, sondern eine Wette auf fünf Jahre, und sie ist in Sachsen-Anhalt gerade zur Hälfte eingelöst worden. Wer jetzt aufrüstet und dabei riskiert, dass 2031 Mehrheiten regieren, die den Kurs umkehren und die Bündnisse aufkündigen, hat Sicherheit nicht gewonnen, sondern vorfinanziert.

Thomas

Die Verlässlichkeit des Sozialstaates als Teil der Sicherheitsarchitektur zu begreifen, das wäre eine Schnittmenge, die jeder Partei als kleinster gemeinsamer Nenner keinen Stein aus der Krone nimmt.

Claude

Als Formulierung ist das gut gewählt, weil es niemandem eine Niederlage abverlangt. Die Union kann es als Sicherheitspolitik verbuchen, die SPD als Sozialpolitik, und das Wort Gesamtverteidigung liefert den Rahmen, in dem beides ohne Gesichtsverlust unterkommt. Der Bevölkerungs- und Zivilschutz ist bei der Grundgesetzänderung ohnehin schon in die Ausnahme geraten, dort sitzt die begriffliche Tür.

Zwei Gründe, warum ein kleinster gemeinsamer Nenner trotzdem selten trägt. Erstens ist er genau deshalb konsensfähig, weil er die Verteilungsfrage offen lässt. Sobald konkret wird, was Verlässlichkeit kostet und wer es bezahlt, ist der Konsens wieder weg, nur unter neuem Namen. Zweitens macht Konsensfähigkeit ihn für die Opposition uninteressant: Ein Vorschlag, dem alle zustimmen können, taugt nicht zur Profilierung, und für eine Partei, die vom Gegensatz lebt, ist das ein Grund, ihn zu meiden.

Er hat aber eine Eigenschaft, die den Aufwand lohnt. Er zerstört die Alternative, von der wir vorhin gesprochen haben. Solange Rüstung gegen Soziales steht, gewinnt derjenige, der verspricht, eine Seite zu streichen. Sobald beides dieselbe Frage ist, verliert dieses Angebot seinen Boden. Das ist kein Programm, sondern eine Verschiebung des Rahmens, und Rahmen entscheiden mehr als Programme.

Ob das im Moment jemand aufgreift, ist eine andere Sache. Die Bausteine liegen jedenfalls bereit: eine tagende Kommission, ein offener Streit über die Investitionsregel, ein Kanzler unter Druck. Was fehlt, ist nicht der Gedanke, sondern jemand, der bereit ist, den Preis der eigenen Kursänderung zu tragen.

Thomas

Tja, in der CDU kommt ja das Wort „christlich" vor. Aber sich an Jesus Christus ein Beispiel zu nehmen, das ist zugegeben ein bisschen viel verlangt.

Claude

Als Pointe sitzt sie, nur ist sie mit einer Wendung interessanter. Das C in der CDU verweist historisch gar nicht auf die Bergpredigt, sondern auf die katholische Soziallehre und den Protestantismus als Gegenprogramm zum Liberalismus wie zum Sozialismus, und die Nachkriegsgründung war ausdrücklich interkonfessionell gedacht. Das gibt eine schärfere Klinge als der Verweis auf die Person Jesu.

Denn die Soziallehre ist keine Gesinnungsethik, sondern ein Ordnungsprogramm mit Begriffen, die sich prüfen lassen. Personalität, Solidarität, Subsidiarität, dazu das Gemeinwohl als Maßstab und die Sozialpflichtigkeit des Eigentums, die es sogar ins Grundgesetz geschafft hat. Das Ahlener Programm von 1947 war deutlicher, als der Partei heute lieb sein dürfte. Und Subsidiarität, auf die sich der wirtschaftsliberale Flügel gern beruft, heißt eben nicht Rückzug der größeren Einheit, sondern ihre Pflicht zur Hilfe, wo die kleinere nicht reicht. Wer das ernst nimmt, kommt bei ausgedünnter Daseinsvorsorge im ländlichen Raum in Erklärungsnot, und zwar mit den eigenen Begriffen.

Fairerweise: Die Partei ist seit den fünfziger Jahren keine konfessionelle Partei mehr, sondern eine Volkspartei mit einem religiösen Erbe im Namen, und daran ist nichts Verwerfliches. Der Vorhalt trifft nicht, dass sie nicht fromm genug ist. Er trifft, dass sie eine eigene Tradition zur Verfügung hätte, die genau den Gedanken hergibt, den wir eben formuliert haben, und dass sie ihn dort nicht sucht.

Das ist im Übrigen die brauchbarere Form des Spotts. Der Verweis auf Jesus lässt sich als Naivität abtun. Der Verweis auf die eigenen Parteigrundsätze nicht.

Thomas

Na dann. Alles da. Hervorragende Aussichten.

Claude

Der Sarkasmus ist verdient. Alles da heißt eben nicht, dass es genommen wird, und die Verfügbarkeit eines Arguments hat noch nie jemanden bewegt, der die Kosten seiner Änderung selbst trägt.

Was das Gespräch trotzdem geliefert hat, ist kein Trost, aber auch nicht nichts: eine Fassung, in der die Sache ohne Euphemismus steht. Die Alternative zwischen Rüstung und Sozialem ist hergestellt, nicht vorgefunden. Die Ausnahme von der Schuldenbremse ist eine Wertung, die als Regel auftritt. Der Zwang ist eine Landkarte dessen, was noch funktioniert. Und die Verlässlichkeit des Gemeinwesens ist nicht die weiche Seite der Sicherheit, sondern deren Bedingung. Das sind Sätze, die man sagen kann, wenn die nächste Runde der Sachzwangrhetorik kommt, und sie sind hart genug, um nicht als Gutmenschentum abzuprallen.

Ob jemand sie aufgreift, entscheidet sich nicht hier. Aber wer sie hat, muss sie nicht erst suchen, wenn es so weit ist.

Gespräche mit Claude Start